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Trauerfeier für legendären Misthauswirt Gustav Ginzel am Pfingstsonntag
Hunderte „Misthäusler“ aus Sachsen werden erwartet
Heinz Eggert hält deutsche Trauerrede
Die große Trauerfeier für den am 28. November 2008 verstorbenen legendären Wirt des Misthauses im böhmischen Isergebirge wird am Pfingstsonntag, 31.Mai 2009, um 10.30 Uhr auf dem Bergsteigerfriedhof in Hruba Skala stattfinden.
Dazu haben sich hunderte Gäste aus Tschechien, Deutschland und ganz Europa angemeldet. Auf der protestantischen Messe werden Trauerreden in verschiedenen Sprachen gehalten, die deutsche Rede trägt Sachsens Ex-Innenminister Heinz Eggert vor. Er hatte ein besonders gutes Verhältnis zu Gustav Ginzel und war seit den siebziger Jahren Stammgast im Misthaus.
Die meisten der deutschen Gäste kommen sicherlich aus Sachsen, hier war das Misthaus am bekanntesten. Im Laufe der Jahre lernten Zehntausende die originelle Herberge kennen. Wegen seiner Kontakte zu Persönlichkeiten der Opposition in der ČSSR und DDR, die sich auch gern bei ihm trafen, wurde Gustav Ginzel sowohl von der Staatssicherheit der DDR als auch von tschechoslowakischen Behörden überwacht und erhielt zeitweilig Reiseverbot. Ginzel engagierte sich seit den 60er-Jahren stark für Maßnahmen zum Umweltschutz. Er machte insbesondere auf das durch die Rauchgase der Braunkohlekraftwerke verursachte verheerende Waldsterben auf den Kämmen des Isergebirges aufmerksam.
Da das Misthaus kein öffentlicher Beherbergungsbetrieb war, durfte Gustav Ginzel auch keine Einnahmen für Übernachtungen kassieren. Diese Handhabung wurde von den regionalen Behörden der ČSSR des Öfteren überprüft. Nicht untersagen konnte man ihm allerdings die Aufnahme von privaten Gästen, die mit ihren Schlafsäcken überall im Haus Platz fanden.
Der Ort der Trauerfeier ist nicht zufällig gewählt. Auf dem Bergsteigerfriedhof Hruba Skala sind Freunde von Gustav Ginzel beigesetzt, die 1970 bei einer Andenexpedition in Peru umgekommen sind. Ginzel war von diesem Vorfall sehr betroffen und sorgte für regelmäßiges Gedenken an die Verunglückten. Er war Hauptorganisator des bis heute jährlich stattfindenden Isergebirgslaufes.
Pressevertreter sind herzlich eingeladen über das Ereignis zu berichten. Hruba Skala befindet südlich von Liberec in der Nähe von Turnov. Ansprechpartner für die Presse ist Jörg Puchmüller (puffi@loop.de; 0172-7978582).
http://www.radio.cz/de/ausgabe/96894
Abschiedsworte für einen guten Freund- Gustav Ginzel
In großer Dankbarkeit von Heinz Eggert
Hruba Skala Bergsteigerfriedhof am 31.05.2009
Ich hebe meine Augen zu den Bergen
woher kommt meine Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn, sich
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen;
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels
schläft noch schlummert nicht.
Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand.
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts. bei der
Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele
der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit.
Psalm 121
Liebe Familie Ginzel, lieber Bruder Jaluska liebe Freunde und liebe Misthaus-Gemeinde,
Es ist schon seltsam. Es gibt Menschen die leben und die nicht lebendig wirken, weil sie nichts ausstrahlen, die sich weder geistig noch körperlich bewegen und von denen auch nichts Anspruchsvolles kommen, weil sie selber keine Ansprüche an das Leben haben.
Und dann gibt es Menschen, die nicht mehr da sind, die gestorben und trotzdem in uns ausgesprochen lebendig sind und uns umtriebig machen- sowie Gustav Ginzel.
Ganz gleich wo man auf der Welt jemanden trifft, der einmal im Misthaus im Isergebirge war
und Gustav getroffen hat,
ich bin gleich mit ihm im Gespräch -natürlich per DU –,
wir sind voller Geschichten,
begeistern uns an der eigenen Erinnerung,
scheren beim erzählen so sehr aus dem Alltag aus,
so dass ein Nichtwissender sich fragt: Was ist dort nur passiert? Im Misthaus im Isergebirge.
Ja manche Leute wissen sogar nur, das ist es dieses schöne Isergebirge gibt, weil dort das Misthaus stand.
Ja, liebe Freunde, was ist da nur mit uns passiert?
Da kann jetzt jeder seine eigenen Geschichten erzählen. Aber in allen Geschichten werden wir Gustav wieder finden. Ausgesprochen lebendig und liebenswert und manchmal nervend.
Wir werden ihn so wieder finden, wie er uns in dieser politisch zu betonierten Zeit,
(in der lieber Pfarrer Jaluska, die Pfarrer nicht im Gefängnis arbeiteten, so wie sie jetzt, sondern aus ideologischen Gründen im Gefängnis saßen)
eine Zeit, die wir Gott sei Dank alle hinter uns haben - ohne die es aber auch nicht die segensreichen Wirkungen Gustavs gegeben hätte-
wir werden ihn so wiederfinden wie er uns gastfreundlich aufgenommen, mit dem Öffnen seiner reich beschilderten Haustür Welten geöffnet und Horizonte weiter gesteckt hat,
wie er uns dazu gebracht hat, freiwillig Essen, Trinken ,Meinungen und Leben miteinander zu teilen- und das alles mit sehr viel Gelassenheit, Lebenserfahrung ,Schalck und Humor.
Logisch eben, wie Gustav es immer betonte.
Keiner verließ das Misthaus, so wie gekommen war.
Und ich meine jetzt nicht die 60 Briefe und Karten- natürlich unfrankiert-, die Gustav mit auf den Weg gab um sie in der DDR in den Briefkasten zustecken, damit sie an der Grenze nicht abgefangen werden konnten und in denen wahrscheinlich stand:
Nehme nur die nicht rauchen, nicht saufen, Nachtruhe einhalten, alles sauber machen, richtig ausgerüstet sind, gepflegtes Äußeres haben usw.
Also solche wie wir.
Ich meine auch nicht seine Aufträge, irgendwelche interessanten Straßenschilder abzuschrauben und beim nächsten Mal mitzubringen, damit seiner Sammelwut und dem Erstaunen der Besucher genüge getan werden konnte wenn sie Gustavs legendäre Hausführungen erlebten, und die angebrachten Schilder, z.B. auf der wackligen Bodenstiege: Privatweg, Benutzung auf eigene Gefahr lesen konnten und beim Schild "Notbeleuchtung" sogar noch Kerzen vorfanden.
Ich meine auch nicht die neuen Erkenntnisse, die Gustav schalkhaft vermittelte.
Das offensichtlich Goethe im Misthaus gewohnt habe, weil ja sonst ein Schild "Hier wohnte Goethe nicht!"angebracht worden wäre. Logisch eben!
Auch die ernsthaften Erkenntnisse über Nord/Ostsee Wasserscheiden, norwegische Findlinge, tausendjährige Eiben, über die Wüste Sahara, über Peru dann wieder über misslungene illegale Grenzübertritte DDR/CSSR usw.usw. sind nicht gemeint.
Nein, wir verließen das Misthaus anders als wir gekommen waren,
mit einer großen Sehnsucht nach Ferne und Freiheit,
mit neu gefundenen geistesverwandten Freunden,
mit der Erkenntnis, wie wenig man eigentlich braucht um aus dem Vollen zu leben um nicht in der Fülle zu ersticken.
Wir wurden sensibler für Umwelt-und Zivilisationsschäden, für falsche menschliche Konventionen
und unechte Phrasen in einer Zeit ,in der private Umweltmessungen noch Staatsverbrechen waren.
Gustav war ein anschaulicher glaubhafter Lehrer, weil er das was er sagte, auch lebte.
Wer ihn nur auf seinen Humor, seine Verschmitztheit seine Schlagfertigkeit und seine Schweykschen Eigenschaften
reduziert-tut ihm unrecht.
Er war ein gutmütiger, ernstzunehmender, hoch intelligenter und nachdenklicher Mensch, der sehr an den Wunden litt, die ihm das Leben geschlagen hatte.
Auf wenn er scherzhaft behauptete, die Kommunisten hätten ihm das Leben gerettet, weil sie ihm
1970 keine Ausreisegenehmigung für die Expedition in Peru gegeben hätten.
Er konnte nur mit innerer Bewegung und Tränen in den Augen darüber sprechen.
Auf den Tag genau vor 39 Jahren, am 31. Mai 1970 vernichtete nach einem Erdbeben ein gigantischer Bergsturz, die Stadt Yungay und das Leben von ca. 20'000 Einwohnern. Bei diesem Bergsturz wurde auch das Basislager der 15-köpfigen tschechoslowakischen Bergsteigermannschaft unter meterhohen Geröllmassen begraben. Gustavs Freunde kamen alle um.
Im Winter waren sie noch beim Isergebirgs- Lauf mitgelaufen
Hier, auf diesem Friedhof, wo wir heute Gustav Ginzels gedenken, sind auch ihre Gedenksteine.
Vielleicht aber, wollte Gott ihn damals noch nicht haben, damit wir ihn haben konnten.
1995 ist sein Misthaus in den Himmel aufgestiegen. Gustav ist ihm jetzt gefolgt.
Deshalb sollten wir bei aller Traurigkeit, dankbar sein, dass wir ihn hatten, seinen Geschwistern und besonders seiner Schwester danken, dass sie sich so aufopferungsvoll in den letzten Jahren um ihn gekümmert haben.
Es macht die Wüste wertvoll, dass sie einen Brunnen birgt: Sagt ein altes arabische Sprichwort.
Es machte das Isergebirge wertvoll, das es ein Misthaus barg, dem Gustav seine Seele gab.
Auf jeden Krempel gehört ein Misthausstempel!
Nicht nur auf jeden Krempel, auch wir sind geprägt worden.
Wir haben heute wirklich viel Grund zur Dankbarkeit!
http://picasaweb.google.de/gustavginzel/GustavGinzelGedenkfeier?feat=email#
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Der Graf dankt:
Liebe UNHEILIG-Fans
Ich bedanke mich von Herzen bei Euch allen für die vielen vielen lieben Genesungswünsche, die mir über diese unangenehme Zeit hinweggeholfen haben.Nachdem ich wusste, dass ich die anstehenden Konzerte nicht spielen kann, auf die ihr Euch alle so gefreut habt und ich mich vollkommen zurückziehen musste um wieder gesund zu werden, habe ich mich immer wieder gefragt: "warum muss ich gerade jetzt krank werden". Ich war wütend auf mich selber, weil ich die Erwartungen nicht erfüllen konnte und weil ich Angst bekommen habe Euch alle zu enttäuschen.Die Ungewissheit und die Frage, was nun passiert und wie es nun weitergeht, war für mich allgegenwärtig.
Aber dann........ist etwas ganz besonderes passiert.
Ich habe tausende von E-mails, unzählige Briefe von Euch bekommen, in denen Ihr mir Genesungswünsche und Verständnis entgegengebracht habt. Ihr hab mir geschrieben, in welchen Situationen die Musik Euch geholfen hat und das ihr nun für mich da seid und ihr mir alle Zeit der Welt schenkt, wieder gesund zu werden.Ich kann es kaum in Worte fassen, wie schön und wichtig es für mich persönlich ist, was ihr in diesem Moment für mich getan habt. Jeder einzelne von Euch hat meine kleine Welt etwas besser gemacht und mir Hoffnung, Vertrauen und Geborgenheit geschenkt. Ihr habt mir das Gefühl gegeben nicht alleine zu sein und das finde ich wunderschön und das werde ich Euch niemals vergessen.
Ich freue mich darauf, wenn wir uns alle wieder sehen. Ich werde auf jeden Fall die Konzerte in Spanien spielen und freue mich auf die nächsten Konzerte.
Ich umarme Euch
Euer Graf
Quelle: www.unheilig.com
Märchenhafte Weisheiten und Weisen
Heinz Eggert
erzählt Märchen russischer und jüdischer Weisheit-
ergänzt durch deutsche Volkslieder zur Gitarre von
Bernd Pakosch
Zur Person:
Heinz Eggert, Theologe und Politiker
Vorträge, Vorlesungen, Lesungen, Moderationen, Kolumnist
Bernd Pakosch, Sänger und Gitarrist
Programme: "merkwürdige Nachricht von einem anderen Stern"
Ein Hermann Hesse Programm nach einem Märchen und vertonten Gedichten.
"Die Königskinder oder das Märchen meines Lebens"
eine Hans Christian Andersen Collage aus Märchen und Liedern.
"Das purpurrote Segel"
Eine musikalische Lesung nach einem Märchen von Alexander Grin
Termine:
Cafè Central Altmarkt 01067 Dresden
Sonntag 22.11.09. Montag 30.11.09
Sonntag 06.12.09 Sonntag 20.12.09
Jeweils 19.00 Uhr
Societaetstheater Dresden An der Dreikönigskirche 1
Montag 14.12.09 um 19 Uhr
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Morgenpostkolumne 28.02.2010Heinz EggertÜberfälliges und Überflüssiges
Auf der Augustusbrücke in Dresden kommt mir am Vormittag ein kräftiger, junger, leicht alkoholisierter Mann entgegen. Es entwickelt sich folgender Dialog. Er: Ach der Eggert! Was tun sie eigentlich? Ich (grinsend ) : Nichts! Er grinst zurück: Ich tue heute auch nichts!! Ich: Ich vermute einmal, Du hast gestern auch nichts getan! Er lachend: Bingo, und Morgen auch nicht. Und geht’s mir schlecht? Ich grinsend: Nee, siehst nicht so aus. Also zwei momentane Nichtstuer, könnte man meinen. Mit einem Unterschied - ich habe 49 Arbeitsjahre hinter mir und er offensichtlich keins und lebt trotzdem ganz gut, wenn sich nichts ändert Aber es muss sich etwas ändern. Denn es ist schon lange nicht mehr lustig. Gemeinsam haben der junge Mann und ich , dass wir beide von denen finanziert werden, die jetzt arbeiten ,Steuern und Abgaben zahlen , finanziell für die Fehler der Banker und die Verschwendungen der Politiker geradestehen müssen und nicht wissen, wie ihre eigene Altersabsicherung einmal aussehen wird. Dazu kommt noch, dass die Lebenserwartung zugenommen hat- was menschlich nur zu begrüßen, finanziell aber eingerechnet werden muss. Es darf auch nicht übersehen werden, dass die zu versorgenden Alten zu- und die jungen Arbeitsfähigen abnehmen. Das soziale Netz wurde einmal zu Zeiten geknüpft, als es darum ging die größte Not zu lindern für Menschen, die sich wirklich nicht selbst helfen konnten. Leider gibt es heute auch Menschen, die nur noch auf die Unterhaltungspflicht des Staates vertrauen und keinerlei Leistungsbereitschaft zeigen. Oftmals auch, weil es sich für sie auf Grund ihrer Geringqualifizierung nicht lohnt. Sie nutzen ein System aus, das sie selbst nicht geschaffen haben und in das –alleine für Hartz IV -jährlich 45 Milliarden € gepumpt werden. Natürlich sind sie nicht in der Mehrheit und sind auch nicht das alleinige Problem dieses Systems, das überlastet und nicht mehr tragfähig ist .Ideologien erweisen sich als zu teurer Realitätsverlust. Der soziale Frieden ist ein sehr hohes Gut. Wer mit der Brechstange Änderungen vornehmen will, gefährdet ihn genauso, wie der, der auf dem jetzigen Status verharrt. Keine Überlegung darf ausgespart werden, wenn sie sich realitätsbezogen an verantwortbaren Zahlen festmacht. Das soziale Netz ist sehr filigran und kann nur behutsam verändert werden. Wer auf stetige Staatsverschuldung setzt, muss wissen, dass er heute gewissenlos das Holz verfeuert, das später einmal die Enkel wärmen sollte. Beleidigende Holzhackermentalität ist aber genauso unangemessen. Wenn Westerwelle einmal 1 Jahr lang von Hartz IV gelebt hat und dann meint, dass der Betrag zu hoch sei, wäre er bestimmt glaubwürdiger als jetzt. Oder? |
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Mopokolumne 06.12.2009
Nicht immer richtet sich das Wetter nach dem Kalender. Bei herbstlichem Wetter wird der Dresdner Weihnachtsmarkt eröffnet. Er ist wie eine kleine Weihnachtsstadt, die sich romantisch durch die Dresdner Innenstadt zieht.
An vielen Glühweinständen und Fressbuden vorbei, können die Besucher von der Hauptstraße, vorbei an den historischen Weihnachtsmärkten im Stallhof und an der Frauenkirche bis zum Altmarkt schlendern.
Schön wenn das übliche Weihnachtsmarktangebot mit Kunsthandwerk kombiniert wird.
In historischen Kostümen wird getöpfert, geschmiedet, gebacken, gemalt- und gesungen.
So wie die zwei mittelalterlich gekleideten Sänger vor der Frauenkirche , die alte Weihnachtslieder zur Laute singen. Geradezu entspannend schön, wenn die dudelnden Weihnachtsliedkonserven aus den Lautsprechern die Ohren nicht im Übermaß beleidigen.
Beim Glühwein erzählt mir eine ältere Dame ganz begeistert, dass sie von Stuttgart aus wieder in ihre alte Heimatstadt Dresden gezogen ist. Die Kindheitserinnerungen, die Schönheit der Stadt, das ungeheure Kulturangebot und die vielen freundlichen Menschen haben sie wieder zurückgezogen.
Um uns herum mischen sich viele Sprachen im Weihnachtsgewirr. Japanisch, Tschechisch, Russisch, Polnisch, Englisch wird nur noch lautstark durch den sächsischen Dialekt überlagert.
So geben in freundlicher Atmosphäre die einen Geld aus und die anderen nehmen es ein.
Weihnachtsgeschäft! Daran versuchen sich natürlich auch andere zu beteiligen.
Organisiertes Betteln, wird inzwischen sehr einfallsreich und nicht nur durch vorgebliche Armut betrieben.
Vormittags sieht man, nicht gerade warm gekleidete junge tschechische Zigeuner in Gold und Silberkostüme schlüpfen, um dann in unbeweglicher Beweglichkeit die Touristen zum Fotografieren und Geldspenden zu animieren. Körperlich anstrengend der Job.
Am Abend werden sie dann durch einen gut gekleideten Zuhältertypen wieder abkassiert, der sofort sein Deutsch vergisst, wenn man ihn darauf anspricht.
Kriminalität im Graubereich.
Das mobile Polizeirevier auf dem Weihnachtsmarkt mit seinen herum streifenden „ zivilen „Polizisten
macht trotzdem, wie schon in den letzten Jahren, den Weihnachtsmarkt sicherer.
Dass die Straftaten zurückgegangen sind, ist auch in ihrer engagierten Arbeit zu verdanken.
Selbst warten sie natürlich nicht auf den Weihnachtsmann, sondern darauf, dass mal ein hoher Polizeiführer oder vielleicht sogar der Innenminister auf einen Kaffee vorbeikommt.
Denn Anerkennung und Motivation sind Geschenke, die selbst auf dem Weihnachtsmarkt für Geld nicht zu kaufen sind. Aber noch ist ja Zeit dazu. Oder ?
Essay für die Sächsische Zeitung
25. Februar 2010
Heinz Eggert
Wer lebt, wird schuldig
Manchmal gibt es Geschichten, die bis zum Ende des eigenen Lebens begleiten.
Davon soll eine jetzt gleich am Anfang stehen.
“ Zwei Männer stehen vor Gott und haben ihre Hände auf dem Rücken verschränkt. Gott lässt sich die Hände zeigen. Die Hände des einen sind rissig, abgearbeitet und angeschmutzt. Die Hände des anderen, sind weiß, sauber und rein.
Da jubelt der mit den reinen Händen: Herr meine Hände sind rein!
Jaja, sagt Gott, das sehe ich. Aber sie sind auch leer.“
Plastischer, verständlicher und liebevoller kann man es gar nicht erzählen.
Wer kiloweise theologische Traktate durchforstet oder alle Predigten dieser Welt hört, ganz gleich ob einschläfernd oder aufmunternd, wird zunächst letztlich keine andere Erkenntnis gewinnen.
Wer lebt, wird schuldig.
Es gibt keinen Weg an der Schuld vorbei. Wissentlich oder unwissentlich!
Wir können noch so große Künstler der eigenen Entschuldigung sein, alle Techniken von Erklärungsversuchen und Ausflüchten in einer ständigen Schuldverschiebung-und Abwälzung
anwenden, irgendwann holt unsere Schuld uns immer wieder ein. Dann versagen die mühselig zusammen gekitteten Antworten, die das eigene Gewissen beruhigen sollten, das Lebensgerüst stürzt ein. Was dann ?
Wer und was rechtfertigt uns, wenn wir unsere angeschmutzten Hände vorzeigen müssen und unser Versagen offenbar wird?
Die Antwort dieser Geschichte ist genauso tröstlich wie die frohe Botschaft des Evangeliums:
Trotz Deiner Schuld musst Du nicht verzweifeln, weil Du auf einen Gott triffst , der wirklich alles von Dir weiß und der Dich besser versteht als Du Dich selbst.
Nicht umsonst sagt man: Alles, aber wirklich alles verstehen, heißt alles verzeihen.
Deshalb ist Schuld und Vergebung das zentralste menschliche Thema.
Es ist kein Sonderfall christlicher Verkündigung, sondern beschäftigt jeden, der nicht nur ein Gewissen hat, sondern es auch gebraucht.
Es gibt keine Religion , die nicht versucht lebendige und tragfähige Antworten zu finden, damit der Mensch an dieser Problematik nicht zerbricht.
Deshalb ist es das offene und unterschwellige Thema der Weltliteratur und wird die Menschheit bis zu ihrem Ende begleiten.
Es war 1976. Ich war damals ein noch junger Pfarrer in Oybin.
An einem Märzabend stand im Programm zur Bibelwoche das Thema „Schuld und Vergebung“.
Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal.
Am Vormittag des gleichen Tages hatte ich ein Gespräch mit einem älteren Pfarrer.
Er war in ungeheuren Gewissenskonflikten.
Seit Jahren verheiratet ,3 Kinder, hatte er sich in eine andere Frau verliebt und sich jetzt entschlossen seine Familie zu verlassen. Sie hatten es alle in dieser Situation nicht leicht. Er nicht ,seine Frau nicht und auch nicht seine Kinder. Er hatte es sich mit seiner Entscheidung nicht leicht gemacht. Seit 12 Jahren war in der Gemeinde.
Ausgesprochen beliebt, immer ein offenes Ohr für die Gewissensnöte der Gemeindemitglieder. Er war so etwas, was man einen guten Pfarrer nennt.
In dieser krisenhaften Zeit, in der er selbst jede seelsorgerische Hilfe nötig hatte, drohte ihm das Landeskirchenamt mit einer Strafversetzung. In seiner verzweifelten Situation nicht gerade hilfreich.
Jesus liebte zwar die Sünder, aber die Landeskirche eiferte ihm in dieser Liebe nicht nach.
So schien es mir zumindest damals.
Ich stellte mir die Frage: Wenn Gott die Sünder liebt, aber die Kirche liebt sie nicht, darf sie sich dann überhaupt noch auf Gott berufen?
Am Abend tauschte ich in der Bibelstunde das vorgesehene Beispiel, von dem Vater, der dem Mörder seiner Tochter den Mord tränenhaft mit einer Umarmung verzeiht,
gegen das am Morgen gehörte aus. Natürlich anonymisiert.
Ein lebendiges Beispiel von Schuld und Vergebung, das dann auch sehr lebendig diskutiert wurde.
Obwohl ich Gott und Jesus und die Evangelien bemühte, war man sich zum Schluss ziemlich einig:
Ein Pfarrer hat das nicht zu tun. Zu wem sollen wir denn sonst noch aufblicken?
Das war nicht böse sondern sehr freundlich gemeint.
Da begriff ich, dass sich keiner von ihnen war, auch wenn ich es sein wollte
Ich musste gar nicht auf den Sockel klettern, in ihren Augen stand ich schon oben.
Auch als kleiner Dorfpfarrer.
Erwartungsdruck nennt man das.
Je höher der Sockel, umso tiefer kann man natürlich stürzen.
Ein Satz, der mir gerade in den letzten Tagen wieder sehr gegenwärtig ist, als ich von der alkoholisierten Autofahrt der obersten protestantischen Bischöfin in Deutschland las, die auch von einer roten Ampel nicht gestoppt werden konnte.
Mein erster Gedanke war: Willkommen im Club! Denn aus Unachtsamkeit bin ich auch schon einmal über eine rote Ampel gebrettert. Allerdings brauchte ich dazu keinen Alkohol.
Mein zweiter Gedanke war: Mein Gott jetzt hat es die auch noch erwischt. Und dann auch noch mitten in der Fastenzeit. Das war es!
Ich bin nicht immer ihrer Meinung gewesen. Aber sie tat der Kirche gut. Denn jede Botschaft kommt auch immer über die Person. Natürlich bediente sie sich der modernen Medienvermarktung. Aber alle Kritiker muss man fragen, wie erreicht man sonst noch möglichst viele Menschen, die man nachdenklich machen möchte. Natürlich war sie kontrovers. Aber auch sehr erfrischend!
Wenn ich ansonsten die alten Kirchenfürsten im Fernsehen referieren höre, hält sich mein Interesse am Paradies sehr in Grenzen, denn Lebensnähe und Lebensfreude strahlen sie nicht aus.
Im Unterschied zu 1976, war es für mich aber erstaunlich, wie viele sich jetzt für die protestantische Verkehrssünderin einsetzten. Es schien, als hätte sie sich durch ihr Vergehen menschlicher und verletzlicher gemacht. Sie war vom Sockel gestürzt und wieder Mensch unter Menschen.
Sie soll im Amt bleiben, sagte mir vorgestern Abend in einer Neustadtkneipe ein junger Mann, der ansonsten nach eigener Auskunft mit Kirche nicht viel am Hut hat. Sie ist doch eine von uns, war sein Argument. Bei jedem Politiker hätte er den Daumen nach unten gezeigt.
Es ist gut, dass auch ihre Kritiker ihr Zeit und das Gesicht gelassen haben, den Entschluss selbst zu fassen.
Man kann in ihren Rücktritt Bedauern, aber er war unausweichlich.
Sie hat damit natürlich auch noch verdeutlicht, dass zwischen Schuld und Vergebung eine wichtige Entscheidung angesiedelt ist. Die Entscheidung, die uns immer am meisten schmerzt.
Aus der Erkenntnis unseres verkehrten Tuns, die notwendigen Konsequenzen selber zu ziehen und zu Tragen. Respekt! Viele tun es nicht!
Für sie wird die Schwere des Tragens abgemildert durch die Solidarität vieler.
All jene aber, die ihr Scheitern sehr hämisch betrachten, verweise ich auf Jesus.
Wenn er sehr viel Hoffnung für eine Hure und einen korrupten Zöllner hatte, wie viel mehr Hoffnung
gibt es dann für eine Frau, die alkoholisiert über eine rote Ampel gefahren ist.
Nicht mehr hat sie getan - aber auch nicht weniger.
Ihre Hände sind ein wenig „schmutziger“ geworden, aber sie sind nicht leer.
Morgenpost Kolumne 17.5.2009
Heinz Eggert
Arbeitslos und krank ?
Es gibt Tage, an denen man zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder auf die gleichen Themenbereiche trifft. So war es für mich am Donnerstag.
Im vorübergehen las ich morgens auf der Titelseite dieser Zeitung, dass sich ein Arbeitsloser im Garten erschossen hatte.
Im vorübergehen. Sowie dass mancher von uns tut, ohne dass es ihn noch groß berührt, weil er nicht die Kraft hat, die schrecklichen Schlagzeilen eines Tages überhaupt noch emotional zu verarbeiten. Der Preis dafür ist natürlich eine anhaltende Gleichgültigkeit in unserer Gesellschaft, die manchmal schon ins unmenschliche abgleitet.
Das wurde mir dann einige Stunden später auf einer Gesundheitskonferenz bewusst gemacht, die sich auch mit dem Thema „Gesundheit und Arbeitslosigkeit“ befasste.
Natürlich
gibt es nicht den typischen Arbeitslosen.
Dazu ist das Thema Arbeitslosigkeit zu komplex. Auch die einzelnen Betroffenen
gehen ganz unterschiedlich damit um. Aber wer selbst schon einmal erwerbslos war,
kennt auch die psychologischen Folgen. Selbstzweifel, Resignation,
Depressionen, Belastungen in der Partnerschaft und das Gefühl ausgegrenzt zu werden . Viele Arbeitslose treiben weniger
Sport, außerdem geht die Fähigkeit der Entspannung verloren.
Klar erkennbar sind auch die Auswirkungen auf die Psyche. Über ein Drittel
zeigt Anzeichen für Depressionen. Die Familie ist längst
nicht immer hilfreich bei der Bewältigung der Probleme. Hängt der Haussegen
schief, werden sie dadurch eher verstärkt.
Je länger ein Mensch arbeitslos ist, desto höher ist sein Risiko, ernsthaft zu erkranken. Damit begibt er sich in einen Teufelskreis. Die fast unvermeidbare Folge: Diese Menschen haben auf Grund ihrer Krankheit dann kaum eine Chance mehr auf eine Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt.
Jahrzehntelang hat man in der Bundesrepublik diesen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Krankheit ignoriert.
Es ist hoffnungsvoll, dass die sächsische Sozialministerin 2007 schon eine Arbeitsgruppe beauftragt hat diesem Problem nachzugehen, in dem die Krankenkassen, die Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege, die kommunale Verbände, die Bundesagentur für Arbeit und andere vertreten sind. Und es ist gut dass sie jetzt nach 2 Jahren nach den Ergebnissen fragt.
Arbeitslose dürfen nicht abgestempelt sein für immer. Ihre Handlungsfähigkeit und Gesundheit muss trotz Arbeitslosigkeit erhalten werden.
Das wurde am Donnerstag ganz deutlich zum Ziel erklärt. Aber das ist nur das eine, was notwendigerweise getan werden kann.
Jeder einzelne von uns hat auch eine Verantwortung dafür, dass Arbeitslose nicht im Freundeskreis, in der Nachbarschaft oder in Sportverbänden ausgegrenzt werden.
Das kostet jeden einzelnen von uns nur etwas Zeit und etwas Geld.
Aber Mitmenschlichkeit zahlt sich doch immer aus. Auch wenn wir einmal darauf angewiesen sind. Oder?
Textbeitrag und Rede zur Ausstellung "Bilderwechsel - Zeitenwende?
Fotografie in Zittau 1980-2000" im Museum Zittau 18.April 2009
Heinz Eggert
September 1989 bis Oktober 1990
Noch nie war eine Zeit politisch und privat für mich so spannend wie diese. Dass politische Verhältnisse einem ständigen Wandel unterliegen, ist eine Binsenweisheit. Dass sich dieser ständige Wandel allerdings in diesen Tagen und Wochen mit einer so großen Schnelligkeit atemberaubend und nicht immer genau vorher berechenbar vollzog, charakterisiert dieses eine Jahr. Keine Woche war wie die andere.
Wer diese Zeit politisch und bewusst miterlebt hat und versucht hat, auf ihre Gestaltung Einfluss zu nehmen, müsste sich eigentlich einen Bonus an Lebensjahren zu rechnen lassen können. Dieser muss ja nicht gleich für die Rentenberechnung herhalten. Aber der Fundus an Lebenserfahrungen ist damit hochgradig angereichert worden.
Geschichte setzt sich aus Geschichten zusammen. So wie jedes Foto aus jenen Zeiten eine Geschichte erzählt: Nicht in vollständigen Zusammenhängen, sondern eher streiflichtartig erhellend. Erinnerung und Denkanstöße gleichermaßen.
Oft wird mir heute die Frage gestellt: Wie war Ihre Haltung zur DDR, welche Gründe waren für Ihre oppositionelle Haltung ausschlaggebend? Da dann immer kurze prägnante Antworten erwartet werden, schrammen diese häufig an der Wahrheitswirklichkeit vorbei. Auch weil sich meine Einstellungen zum DDR-Staat durch meine Erfahrungen verändert haben.
Jedenfalls glaubte ich 1989 – im Gegensatz zu 1968 – nicht mehr an die Möglichkeiten des Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Nur was gegen dieses bis an die Zähne bewaffnete Regime setzen?
In meiner politischen Seelsorge erfuhr ich immer mehr über Gewalt und Demütigung durch das DDR-Regime. Unangemeldet klingelten Menschen aus der ganzen DDR an unserer Tür. Sie kamen aus unterschiedlichsten Gründen mit dem System nicht mehr klar und wollten einen Ausreiseantrag stellen. Ich besprach mit ihnen die Situation und wies sie auf alle Schwierigkeiten hin. Ich fragte mich schon lange nicht mehr, ob dieses eine Provokation oder eine mir gestellte Falle war. Dann hätte ich mich als Pfarrer selbst aller Arbeitsmöglichkeiten beraubt. Auch Freunde von uns gingen in den Westen – vorher ausreichend schikaniert und bedroht. Wer bis zu diesem Zeitpunkt kein Feind der DDR gewesen ist, wurde so zu einem gemacht. Es schien wie ein Sterben auf Raten zu sein. Denn wir würden sie sicher nicht wiedersehen. Sie würden keine Einreise und wir keine Ausreise bekommen.
Kommunalwahlen im Mai 1989: Am Anfang verstand ich die Empörung über die Wahlfälschung nicht. Denn die Wahlen waren doch immer gefälscht worden. Aber der Versuch, den DDR Staat mit seinen verlogenen blumigen Aussagen über Frieden, Völkerfreundschaft und das menschlichste und wahrhaftigste System ernst zu nehmen, um ihn dann mit sich selbst zu konfrontieren, das war genial und läutete das Ende der DDR ein. Wir maßen die DDR an ihren eignen Aussagen. Denn der Kaiser war schon seit Jahren nackt, wie es ein Märchen von Andersen bebildert. Aber nackt ist nicht tot und schon gar nicht ungefährlich.
Dann kam der 07. Oktober 1989! 40. Staatsfeiertag der DDR.
In der Oybiner Bergkirche feierten wir Erntedank. Auf der Einladung war vermerkt: Damit wir an diesem Tag auch etwas zu feiern haben. Das weiß ich nach 20 Jahren noch deshalb so genau, weil ich den Text und die Plakate in meinen Staatssicherheitsakten wiedergefunden habe.
Der Trompeter aus Cottbus kam eine Stunde zu spät zum Konzert: vier Mal Polizeisperren an der Grenzstraße zu Polen, vier Mal musste er seine Instrumentenetuis öffnen. Wirklich nur Trompeten. Nach dem Konzert sprach mich ein Ehepaar an. Sie hatten Tränen in den Augen. Der Junge sei mit Freunden verschwunden. Richtung Ungarn. Ein Zettel: Wir rufen euch aus dem Westen an. Der andere Sohn war in Berlin bei den Grenztruppen. Urlaubssperre.
Abends war ich fassungslos. Vor dem Fernseher. Jubelnd ziehen Massen in Berlin am Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzenden der DDR und Vorsitzenden des Verteidigungsrates usw. vorbei. Später würden die Marschierer sagen, ihre geballten Fäuste in Richtung Tribüne waren ihr Protest. Die lachenden Gesichter waren nur Tarnung. Warum durfte ich erst 1990 erfahren, unter lauter Widerstandskämpfern gelebt zu haben? Sie hatten sich wirklich gut getarnt. Im Palast der Republik – auch respektlos Erichs Lampenladen – genannt, moderierte Carmen Nebel charmant die angemessene Trauerveranstaltung zur freudigen Polit-Geburtstagsfeier um. Die dort auftretenden Künstler murmelten später etwas über Zwang, die leider vorher erkrankten über Widerstand. Gorbatschow äußerte sich in Berlin sybillinisch über die Entwicklung in der DDR. Was er nicht wusste: in wenigen Monaten würde sein Imperium zusammenstürzen.
08. Oktober 1989. Unser Sohn kam von einer Schulveranstaltung aus dem Pionierlager zurück. Wir wussten nicht – woher auch – dass es ein Internierungslager werden sollte. Dass wir auch auf der Liste standen. Seine Frage: Wisst ihr schon, dass die NVA an der Grenze steht? Er meinte unsere Grenze. Wir wohnten 130 m von der tschechischen Grenze entfernt. Ich machte einen Erkundungsspaziergang. Kinderwagen lagen in den Gebüschen. Sie hinderten bei der Flucht. Familien versuchten illegal über die tschechische Grenze nach Ungarn zu kommen. Rostocker, Berliner – Sachsen sowieso. Nachbarn, aufmerksame Grenzhelfer, informierten ihre zuständigen Dienststellen. Ihr Kommentar später: Weißt du, sonst wäre ich dran gewesen. Ich weiß. Aber jetzt waren erst einmal die Ertappten dran. Die Flüchtigen wurden auf LKWs verladen. Männer, Frauen und Kinder. Ins Gefängnis.
Warum blieben sie nicht? Die Wende kam doch. Haben wir doch alle gewusst. Oder? Ich ging weiter bis an die Grenze. Im doppelten Sinn. Zwei junge Soldaten, mit MPI bewaffnet: Bürger Ihren Personalausweis! Ich sagte: Ich bin der Ortspfarrer, ich trage meinen Ausweis nie dabei, wenn ich durch den Ort gehe. Entschuldigen Sie, sagt der Eine, das haben wir nicht gewusst. Sie sind aber verpflichtet, sagte der Andere matt. Die sollen erst einmal in Berlin ihre Pflicht tun, sagte ich. Sie nickten. Am liebsten hätten sie ihre Knarre an einen der umweltgeschädigten Bäume gehängt und wären in Richtung Ungarn hinterhergelaufen.
Vielleicht, sagte ich zu meiner Frau, hält sich das hier nicht mehr lange. Vielleicht?
Aber wenn, dann musste jede Möglichkeit genutzt werden. Dieser menschenverachtende Staat musste weg!
Ab jetzt war jeder Tag, jede Woche politisch anders. Von den Möglichkeiten her, aber auch durch die Schnelligkeit sich gestaltender politischer Prozesse. Eine Einladung zur Gründung einer neuen sozialdemokratischen Partei konnte ich nicht wahrnehmen. Ich musste eine Beerdigung halten. Wie viele Theologen auch, empfand ich mich in dieser Zeit als ein Katalysator der Denkprozesse, beschleunigte. Dazu hatte ich jahrelang vor und- nachgedacht. Aber welche Strukturen waren am schnellsten zu verändern und zu gebrauchen? Diese Frage wurde für mich zur Kardinalsfrage. Natürlich arbeitete ich im Neuen Forum mit. Junge Menschen aus unserer Region mit sehr viel Mut und Fantasie arbeiteten an den notwendigen Veränderungen. Sie waren sich sehr wohl bewusst, dass die Gefahren ihrer Verhaftung noch lange nicht gebannt waren. Aber ihr Mut übertrug sich auf die Bevölkerung, die schon bald Straßen, Plätze und Kirchen füllte, um deutlich zu machen, dass dieser DDR-Staat nicht mehr ihr Staat war. Gerade als die Weltgeschichte das kleine Land zwischen Oder und Elbe endgültig vergessen zu haben schien, handelte ein kleines Häuflein von Bürgerrechtlern wider alle Warnungen und Klugheit, wagten einige als naive Spinner verschriene Außenseiter den Kopf zu erheben, wo Kopf senken angesagt war und dort zu sprechen, wo Schweigen als äußerste Klugheit vorgegeben war. In der großen Geschichte spricht man immer von großen Persönlichkeiten: Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Walesa, die irgendwann Zivilcourage zeigten und dadurch die Steinchen lostraten, die zur Lawine geworden sind. Nein, es waren hier in Zittau die sogenannten Durchschnittsmenschen aus unserer Region. Ohne sie und ohne die Steinchen, die sie losgetreten haben, wäre diese Wende nicht denkbar gewesen.
19. Oktober1989 – abends!
Das Neue Forum hatte in die Johanniskirche eingeladen. Die Zittauer gingen auf die Straße. Das hört sich gut an, stimmt aber nicht. Die meisten blieben nämlich zu Haus und schauten interessiert oder erschrocken hinter den Gardinen denjenigen hinterher, die den Mut hatten, sich an diesem Abend auf die Straße zu begeben. Die Johanniskirche war innerhalb kürzester Zeit gefüllt. Die anderen Kirchen wurden aufgetan. Die Redner des Neuen Forum mussten – allein – von Kirche zu Kirche und ihren Text jedes Mal wieder neu präsentieren. Den Grund für die Zurückhaltung der Bevölkerung konnte nur der begreifen, der wusste, dass an diesem Abend die Polizei, die Staatssicherheit und die Offiziershochschule in Alarmbereitschaft waren. An diesem Abend waren die Entschlossensten und Couragiertesten auf die Straße gegangen und hatten dazu beigetragen, dass man auch in Zittau die Angst verlor.
Es hört sich seltsam an. Aber Geschichte ereignet sich auch in dem winzigen historischen Augenblick, wenn sich der Einzelne von seiner Sofaecke erhebt, den Fernseher ausschaltet und sich auf den Weg zu irgendeiner Kirche, einer Zusammenkunft oder später einer Demonstration macht.
Als in Berlin am 9.11.1989 die Mauer bröckelte, demonstrierten tausende Oberlausitzer, Männer, Frauen und Kinder mit Kerzen in der Hand auf dem Zittauer Ring. Ihre brennenden Kerzen setzten sie auf die Mauern vor der verdunkelten Stasi-Zentrale, aus der sie eifrig gefilmt wurden. Es nutzte nichts mehr. Die
Zittauer hatten ihre Angst verloren.
Natürlich war ich dann an den Runden Tischen. Natürlich löste ich die Kreisdienstelle der Staatssicherheit in Zittau mit auf. Besetzte wäre richtiger, denn zum Auflösen gab es nichts. Leergefegte Kellergewölbe, die vor kurzem noch mit den berüchtigten Akten angefüllt waren. Entweder vernichtet oder nach Dresden verbracht. Natürlich arbeitete ich in der Kommission gegen Wahlbetrug und Korruption mit. Natürlich trugen wir unsere Erkenntnisse bei bitterster Kälte auf dem überfüllten Markt vor dem erbarmungswürdig verfallenem Salzhaus vor, während in der Offiziershochschule Zittau viele bewaffnete Offiziersschüler auf einen Einsatzbefehl hofften um diesem „konterrevolutionären Spuk“ ein Ende machen zu können. So hatte jeder in dieser Zeit seine von den Ereignissen geprägte Motivation. Meine Motivation war einfach. Ich konnte doch nicht 16 Jahre lang predigen, dass unmenschliche Verhältnisse menschlicher gestaltet werden und dann in meiner Kirche sitzen bleiben.
Aber dann kam der Konflikt in den eigenen Reihen. Was wir nicht wollten, darüber waren wir uns einig. Das Ziel war ursprünglich die Abschaffung dieser menschenverachtenden Strukturen innerhalb der DDR. Aber als ich zum ersten Mal am 7. Dezember in Zittau auf dem Markt davon sprach, dass wir eigentlich die Chancen nutzen müssten, ein Volk zu werden, kam es zum Bruch mit dem Neuen Forum. Die Schilder der Demonstranten „Wir sind das Volk!“ wurden durch die Schilder „Wir sind ein Volk!“ abgelöst. Mir war klar geworden, wir würden es nicht schaffen, innerhalb der Strukturen dieses Systems das System menschlicher und demokratischer zu gestalten. Auch nicht mit einem dritten Weg, der vehement und intensiv diskutiert wurde.
Helmut Kohl erzählte mir später einmal, dass dieser Schilderwechsel und der Einheitsruf auf den ostdeutschen Straßen sein Motiv gewesen sei, möglichst schnell Gespräche mit den Alliierten über die Möglichkeiten der Deutschen Einheit zu führen. Für mich war klar: Alle Pläne einer schrittweisen Annäherung oder eines langfristigen stufenweisen Übergangs zur Einheit gingen an der Wirklichkeit vorbei. Ohne Deutschland zu einen, würde man auch Europa nicht einen können. Und wir würden weiter in unserem Zittauer Zipfel sitzen müssen, ohne ihn regional nach allen Seiten zu öffnen.
Dann bewegten uns in Zittau ganz andere Fragen. Wenn wir die alten Staatskader nicht mehr haben wollten, wer sollte dann in einem neuen demokratischen System politische Verantwortung übernehmen? Es waren ewig währende und lange Diskussionen mit meinem Kollegen Lothar Alisch, der für mich in bewundernswerter Weise in DDR-Zeiten den schwierigen Weg vom Hauptmann der Nationalen Volksarmee zum Pfarrer gemeistert hatte. Er suchte, ganz genauso wie ich, zu DDR-Zeiten mit jedermann das Gespräch, ohne Berührungsängste mit Andersdenkenden oder SED-Genossen zu haben. Er war inzwischen für das Neue Forum wortführend. Wir hatten natürlich aufgrund unserer gemeinsamen Erfahrung als Theologen in der DDR und als Freunde eine ganz besondere Gesprächsgrundlage. Die Frage, die wir diskutierten, war: Wie schuldig kann man werden, wenn man sich in schwierigen Zeiten der Verantwortung entzieht? Mussten nicht gerade wir, die wir schon seit Jahren Veränderungen angemahnt hatten, die wir ein großes Vertrauen in der Bevölkerung besaßen, jetzt selbst – wenigstens übergangsweise – politische Verantwortung übernehmen?
Schon zu DDR-Zeiten, wenn wir uns nach den üblichen Gesprächen mit den Genossen vom Rat des Kreises in einem Zittauer Café bei einem Kaffee erholten, waren wir uns einig, dass wir es eigentlich immer leichter hatten als die Genossen vom Rat des Kreises und von der SED-Kreisleitung, auch wenn sie die Macht hatten. Ihre Ohnmacht gegenüber den übergeordneten Parteiinstanzen oder dem Politbüro der Partei der SED war nicht zu übersehen. Wir litten zwar unter vielen politischen Entscheidungen, aber wir konnten auch alles sehr gut auf ethische Grundlagen und moralische Grundzüge hin durchdenken, ohne selbst eine einzige politische Entscheidung zu fällen oder dafür gerade stehen zu müssen. Dazu kam noch, dass uns zu DDR-Zeiten selbst unsere schlimmsten Gegner nicht verdächtigten, Theologen geworden zu sein, um Geld zu verdienen.
Als wir uns 1989/90 noch über die besten Lösungen stritten, wussten wir nicht, welche Rolle die Staatsicherheit in unserem Leben gespielt hatte. Deshalb war damals auch unser Freundeskreis noch größer. Wir debattierten stundenlang. Aber eine Entscheidung fiel nicht. Lothar Alischs Diskussion war dadurch noch weitaus engagierter, da er selbst am Überlegen war, ob er für das Oberbürgermeisteramt in Zittau kandidieren sollte.
Ich entschied mich dann. Ich dreht mein Schild: Kein politisches AMT!, das immer warnend auf meinem Schreibtisch gestanden hatte, um und wurde im Mai 1990 Landrat.
Aber das sind schon wieder andere Geschichten!
Was lange währt…..
Manchmal ist das Leben ausgesprochen erstaunlich.
Ich hatte mich auf ein Seminar an der Fernsehakademie Leipzig vorbereitet. Dort studieren hoch –in Einzelfällen auch minder - motivierte junge Menschen um später als Mediengestalter, Kameraleute oder Rundfunkjournalisten tätig zu sein. Es ist nicht ihre Erstausbildung. Die meisten sind Berufssoldaten bei der Bundeswehr, die ihnen großzügig diese Ausbildung bezahlt um die Wiedereingliederung ins zivile Leben vorzubereiten. Andere kommen von der Arbeitsagentur oder bezahlen die private Ausbildung selbst.
Nur, Ausbildung und Weiterbildung sind das eine und die Umsetzung des eigenen Wissens um die beruflichen Chancen zu erweitern, das Andere. Dieser Spagat der Ungewissheiten sollte-das war der Wunsch der Studenten- mit diskutiert werden.
Also fuhr ich von meiner Dresdner Wohnung aus mit der Taxe zum Bahnhof. Ein Taxifahrer der alten Schule, außerordentlich wohl tuend in seiner Höflichkeit und Zuvorkommenheit .
69 Jahre alt sei er, antwortete auf meine Frage. Vor zwei Jahren hätte er noch einmal den Taxischein
gemacht. Darauf sei er ausgesprochen stolz, weil er wisse, wie viele Jüngere diese Prüfung nicht bestehen. Er fühle sich viel zu jung um zuhause vor dem Fernseher oder auf dem Balkon zu sitzen.
In die Zuschauerrolle des Lebens wollte er in seinem Alter noch nicht gedrängt werden. Respekt!
Ein Einzelfall durch Eigeninitiative! Nur wie viele Menschen, die älter als 60 Jahre alt sind könnten ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten noch in die Erwerbswelt einbringen, wenn wir es politisch und gesellschaftlich vorbereitet und Anreize dazu geschaffen hätten ??
So haben wir sie vorzeitig zu“ Zuschauern des Lebens „gemacht.
Stunden später mitten in der Diskussion an der Fernsehakademie. Schon die zweite Ausbildung für die ungefähr Dreißigjährigen. Das sollte fürs Leben ja zunächst einmal reichen. Eine verständliche Einstellung und trotzdem falsch.
Gerade sie werden lebenslang lernen müssen. Es wird nicht mehr das dreiteilige Lebensmodell-Schule-Lehre oder Studium-Arbeitswelt geben. Immer wieder werden sich Bildungs - und Weiterbildungsabschnitte im Leben abwechseln, weil der Einzelne nur so die Chancen des Arbeitsmarktes wahrnehmen kann.
Der Personalchef der heute schon arrogant glaubt, ein Fünfzigjähriger brauche sich gar nicht mehr bei ihm bewerben, wird in einigen Jahren händeringend nach einem gutausgebildeten Fünfzigjährigen suchen. Das wird zwangsläufig sein in einer Gesellschaft, in der die Jungen immer weniger und die Alten immer mehr und rüstiger werden.
Nur muss eine Lernbereitschaft im höheren Alter durch eine Beteiligung in jüngeren Jahren vorbereitet sein, da sonst die Motivation fehlt. Nicht alle motivieren sich selbst wie dieser Taxifahrer.
Dass wir die Zukunftsaufgabe für Politik, Gesellschaft und die Unternehmen sein.
Manchmal hängt Zukunftssicherung auch vom schnellen Begreifen ab. Oder?










