| Home | _Total Registered | Blogs | Events | Photos | Videos | Groups | Classifieds | Forums | chat | _branchen | _link | _shop | Toplisten | Social Bookmarking Tool |
HeinzEggert's blog
Morgenpost Kolumne 14. März 2010
Heinz Eggert
Sex- Gespräche
Am Donnerstagvormittag in der Dresdner Alaun Straße. Sieben zwölf bis dreizehnjährige Schüler kommen auf mich zu und fragen, ob ich an einer Umfrage der Schule teilnehmen würde.
Ich will.
Aber, sagt der eine etwas wichtig und gleichzeitig warnend, es geht um das Fach Sexualkunde.
Wie auf Kommando schauen mich alle gleichermaßen gespannt an.
Ich will immer noch.
Während einer die Fragen abliest und die Antworten notiert, beobachten mich die anderen ganz genau.
Die Fragen sind nicht ohne.
Wie alt ich gewesen wäre, als ich den ersten Geschlechtsverkehr gehabt hätte?
Wo das gewesen sei? Welches der außergewöhnlichste Ort gewesen sei, an dem ich Sex gehabt hätte?
Ich antworte offen und fast wahrheitsgemäß.
Jeder Antwort wird von einem kleinen netten bebrillten Jungen mit „Cool!“kommentiert, wobei er dabei immer einen seiner Schulkameraden in die Seite stupst.
Als ich dann die letzte Frage:“ Ob ich immer noch Sex hätte?“ mit den Worten beantworte :“Dass man das im Leben, was Spaß macht, nie aufgeben sollte, solange man es noch kann!“;zieht er das“ Cooooooool!“ besonders lang.
Dann werde ich noch gelobt, dass ich bisher der Einzige sei, der wirklich alle Fragen beantwortet hätte.
Jetzt frage ich zurück.
Ob der Lehrer ihnen die Fragen auf geschrieben hätte, oder ob sie von alleine darauf gekommen wären. Stolz erzählen sie, dass sie sich die Fragen selber erarbeitet haben, weil es sie interessiert.
Als ich sie frage, ob sie diese Frage auch ihren Eltern stellen würden, schütteln sie einvernehmlich den Kopf und geben dann ihrem Klassenkameraden Recht ,der meint, den Eltern könne man diese Fragen nicht stellen, weil man sie zu gut kenne.
Dann gehen sie weiter und umringen eine verdutzte Frau, um ihre Fragen erneut zu stellen.
Beim Weitergehen überlege ich, wie es wohl insgesamt bewertet würde wenn ich einem Dreizehnjährigen ungefragt diese Antworten gegeben hätte.
Aber hier ergibt sich die Antwort auch gerade aus dem Faktischen.
Wenn wir gefragt werden, sollten wir antworten. Vom Verständnishintergrund der Jugendlichen ausgehend- offen und unverkrampft. Damit Prüderie und Verklemmtheit sie nicht auf falsche Quellen verweisen.
Aber wir sollten es uns auch selbst verbieten, gerade bei allen Dingen, die die Sexualität betreffen, Antworten auf Fragen zu geben, die von ihnen überhaupt nicht gestellt worden sind.
Oder?
|
Morgenpostkolumne 28.02.2010Heinz EggertÜberfälliges und Überflüssiges
Auf der Augustusbrücke in Dresden kommt mir am Vormittag ein kräftiger, junger, leicht alkoholisierter Mann entgegen. Es entwickelt sich folgender Dialog. Er: Ach der Eggert! Was tun sie eigentlich? Ich (grinsend ) : Nichts! Er grinst zurück: Ich tue heute auch nichts!! Ich: Ich vermute einmal, Du hast gestern auch nichts getan! Er lachend: Bingo, und Morgen auch nicht. Und geht’s mir schlecht? Ich grinsend: Nee, siehst nicht so aus. Also zwei momentane Nichtstuer, könnte man meinen. Mit einem Unterschied - ich habe 49 Arbeitsjahre hinter mir und er offensichtlich keins und lebt trotzdem ganz gut, wenn sich nichts ändert Aber es muss sich etwas ändern. Denn es ist schon lange nicht mehr lustig. Gemeinsam haben der junge Mann und ich , dass wir beide von denen finanziert werden, die jetzt arbeiten ,Steuern und Abgaben zahlen , finanziell für die Fehler der Banker und die Verschwendungen der Politiker geradestehen müssen und nicht wissen, wie ihre eigene Altersabsicherung einmal aussehen wird. Dazu kommt noch, dass die Lebenserwartung zugenommen hat- was menschlich nur zu begrüßen, finanziell aber eingerechnet werden muss. Es darf auch nicht übersehen werden, dass die zu versorgenden Alten zu- und die jungen Arbeitsfähigen abnehmen. Das soziale Netz wurde einmal zu Zeiten geknüpft, als es darum ging die größte Not zu lindern für Menschen, die sich wirklich nicht selbst helfen konnten. Leider gibt es heute auch Menschen, die nur noch auf die Unterhaltungspflicht des Staates vertrauen und keinerlei Leistungsbereitschaft zeigen. Oftmals auch, weil es sich für sie auf Grund ihrer Geringqualifizierung nicht lohnt. Sie nutzen ein System aus, das sie selbst nicht geschaffen haben und in das –alleine für Hartz IV -jährlich 45 Milliarden € gepumpt werden. Natürlich sind sie nicht in der Mehrheit und sind auch nicht das alleinige Problem dieses Systems, das überlastet und nicht mehr tragfähig ist .Ideologien erweisen sich als zu teurer Realitätsverlust. Der soziale Frieden ist ein sehr hohes Gut. Wer mit der Brechstange Änderungen vornehmen will, gefährdet ihn genauso, wie der, der auf dem jetzigen Status verharrt. Keine Überlegung darf ausgespart werden, wenn sie sich realitätsbezogen an verantwortbaren Zahlen festmacht. Das soziale Netz ist sehr filigran und kann nur behutsam verändert werden. Wer auf stetige Staatsverschuldung setzt, muss wissen, dass er heute gewissenlos das Holz verfeuert, das später einmal die Enkel wärmen sollte. Beleidigende Holzhackermentalität ist aber genauso unangemessen. Wenn Westerwelle einmal 1 Jahr lang von Hartz IV gelebt hat und dann meint, dass der Betrag zu hoch sei, wäre er bestimmt glaubwürdiger als jetzt. Oder? |
||
|
|
Morgenpost Kolumne 14. Februar 2010
Heinz Eggert
Der 65. Jahrestag der Zerstörung Dresdens.
Vor einem Jahr habe ich vorrauschauend diesen Bericht für Dresden zum 13.2.2010 geschrieben.
„Der 65. Jahrestag der Zerstörung Dresdens.
Wie es der Dresdner Tradition entspricht , legten die Dresdner am 13. Februar auf dem Heide Friedhof Kränze nieder, um der Toten des Dresdner Bombenangriffs vom Februar 1945 und zugleich aller Opfer der von Nazi-Deutschland ausgegangenen Verbrechen in Stille zu gedenken. Parteipolitische Querelen und politische Profilierungssüchte, die noch 2009 vor und nach dem Gedenktag die Diskussion bestimmten, blieben aus. Da Streit unter Demokraten immer Siegesfeier unter Nazis nach sich zieht, mussten auch diese ausfallen.
Nachdenkliche Stille und würdevolle Trauer bestimmten den Tag und berührten die Welt.
Für beide Tage hatten die Dresdner sich ihre englischen, amerikanischen und russischen Freunde eingeladen. Es sollte ein Fest der Besinnung und der Begegnung werden-ohne parteipolitische Vereinnahmungen.
Jugendliche aller Nationen feierten und diskutierten miteinander.
Sie waren sich einig, sich nie von Demagogen so instrumentalisieren zu lassen um sich dann gegenseitig das anzutun, was ihre Großväter einander angetan hatten.
Da die unbelehrbaren Nazis wieder eine Großdemonstration angekündigt hatten, waren sich die Dresdner darüber einig, dass dieser Aufmarsch nicht durch die Innenstadt führen dürfe.
Deshalb hatten Vereine, Verbände und die Kirchen rechtzeitig und fantasievoll an allen Knotenpunkten der Innenstadt Veranstaltungen angemeldet, die von der Stadt genehmigt worden waren.
Da für die Bürger nicht die Gefahr bestand zwischen gewaltbereiter Antifa und den rechten Schlägertrupps verletzt zu werden, waren sie auch überall zahlreich anzutreffen.
Die Polizei hielt sich sichtbar und schützend im Hintergrund.
Sie musste sich nicht wie im letzten Jahr für ihren Einsatz von den Linken beschimpfen lassen, sie wären Kumpane und Dienstleister der Rechten.
Die aus der ganzen Republik anrollenden Busse der Nazis wurden auf den Autobahnen lange und intensiv kontrolliert, so dass mancher zu spät zu der geplanten Demonstration kam.
Der von den Nazis geplante Demonstrationszug musste von der Stadtverwaltung über ein menschenleeres Gewerbegebiet geleitet werden. Gerichtlicher Einspruch der Nazis musste zurückgewiesen werden, da die zahlreichen Innenstadtveranstaltungen nicht gefährdet werden durften.
So kam es dann. Keine Gegendemonstration, keine Kameras, keine Presse- Nichtbeachtung schlug sichtbar in Verachtung um.
Die Nazis waren nur eine Randnotiz am Rande des Dresdner Geschehens. Mehr sollten wir ihnen auch nicht zu billigen.“
Gott sei Dank- ist in diesem Jahr vieles so gekommen.Alles andere machen wir 2011 besser. Oder?
Morgenpostkolumne 31. Januar 2010
Heinz Eggert
Hartz IV für Taliban ?
Lange hatte ich sie nicht gesehen. Sie saßen dicht aneinander geschmiegt im Café in der Altmarkt- Galerie. Ihr Sohn saß glücklich dazwischen. Seinem Vater kam alles hier so unwirklich vor, wie mir sein momentaner Einsatzort: Afghanistan.
Verständlich, bei dem, was er erzählt. Tag und Nacht lebt er In der Welt des Krieges, des Leides, des Schmerzes und des Misstrauens.
Immer steht er unter der ungeheuren Anspannung, möglichst heil und unbeschadet aus allen Auseinandersetzungen herauszukommen, weil er an seinem Leben hängt und seine Familie liebt.
Ihr Auftrag lautet Präsenz zu zeigen. Aber das alleine kann es nicht sein.
Denn damit werden die Taliban nicht bekämpft und die Bevölkerung wird nicht geschützt.
Die Zweifel an ihrem Einsatzmandat behalten die Soldaten schon lange für sich.
Die Äußerungen der Politik und die öffentlichen Diskussionen in Deutschland machen sie vorsichtig.
Zur äußeren Unsicherheit soll nicht noch die innere kommen.
Nie weiß er, ob der Bauer, der ihn gestern noch freundlich grüßte, nicht heute schon im Auftrag der Taliban mit einem Sprengstoffgürtel unterwegs ist und in welcher Absicht ihnen die Kinder entgegenlaufen. Auf die korrupte Polizei, die sie selber ausbilden ist kein Verlass.
Selbstschutz ist alles.
Seine verletzten und toten Kameraden sind eine ständige Warnung.
Während er erzählt, hält seine Frau seine Hand. Sie würde jetzt schon gerne jetzt schon auf den zusätzlichen Sold verzichten Sie hofft einfach auf ein gutes Ende seines Einsatzes.
Dann sind auch ihre Schlafstörungen vorbei und das innere Zusammenzucken, jedes Mal wenn das Wort Afghanistan fällt.
Ich frage ihn, was er von den momentanen Diskussionen über den Afghanistaneinsatz hält.
Es regt ihn mehr auf, als ein bevorstehender Kampfeinsatz.
Dass deutsche Staatsanwälte in der Wärme ihrer Amtstuben wochenlang Zeit haben ,die Richtigkeit und Angemessenheit von Entscheidungen zu überprüfen , die vor Ort im Kampf in Sekundenschnelle getroffen werden müssen, daran haben sie sich alle schon gewöhnt.
Von mancher unsachlichen politischen Diskussion fühlt er sich beleidigt.
Ich frage ihn, was er von Westerwelles Vorschlag hält, ein Aussteigerprogramm für Talibans zu finanzieren. Er lacht. Offensichtlich habe man vergessen, dass die Taliban mehr Geld weltweit mit Drogen machen, als der deutsche Haushalt hergeben würde.
Damit können sie mehr Einsteigerprogramme finanzieren als die Weltgemeinschaft Aussteigerprogramme.
Schon jetzt wisse man, dass ein Großteil der ausgebildeten Polizisten zu den Taliban überläuft und der andere Teil korrupt von der Bevölkerung Geld erpresst.
Es sei wie im Irak. Viel Militär und viel Geld bewirken keine demokratischen Strukturen.
Das scheint mir sehr logisch.
Vielleicht unterliegen wir momentan einem sehr teuren denkerischen Kurzschluss! Oder?
Morgenpostkolumne 17. Januar 2010
Heinz Eggert
Führungskräfte
Am letzten Dienstag fuhren wir nach Wiesbaden. Obwohl die Autobahnen schnee-und eisfrei waren, war es eine schwere Fahrt. Viele sächsische Kollegen und Kolleginnen hatten sich in dieser Nacht auf den Weg zur Trauerfeier für Peter Raisch gemacht.
Aus Achtung und Trauer für und um ihn.
12 Jahre lang war er Präsident des Landeskriminalamtes in Dresden und war dann 2003 nach Wiesbaden gegangen um dort das hessische Landeskriminalamt zu führen.
Wir haben uns im Herbst 1991 in Dresden kennen gelernt.
Peter Raisch war damals aus dem Westen nach Sachsen gekommen um beim Aufbau zu helfen. Im Gegensatz zu manchen, aus dem Westen, die nur sich selbst geholfen haben - war er allerdings für Sachsen tatsächlich ausgesprochen hilfreich.
In einer Zeit des Umbruchs und des Neuanfangs, in der die Kriminellen sich immer unangefochten glauben, mit einer völlig verunsicherten Sächsischen Polizei, nicht funktionierenden alten Strukturen, ständig laufenden Vergangenheitsüberprüfungen. - wem konnte man trauen und wem nicht - hat er das Landeskriminalamtes in Sachsen aufgebaut.
Ich war damals Minister und er war mir unterstellt. Aber Peter Raisch war in dieser Zeit mein Lehrmeister und wurde mir zum Freund.
Von ihm habe damals gelernt, dass Sicherheit kein Spielball politischer Interessen sein darf.
Dazu ist das Thema zu ernst.
Ich habe gelernt, dass es keine politischen Entscheidungen gegen den Sach- und Fachverstand von Sicherheitsexperten geben darf. Der Preis ist zu hoch.
Und ich habe gelernt, dass Polizist kein Beruf, sondern eine Berufung ist, und dass unsere Gesellschaft nur deswegen so sicher lebt, weil sich viele in diesem Beruf selbst nicht schonen. So wie auch Peter Raisch sich nie geschont hat.
Das die sächsische Polizei nach sehr kurzer Zeit schon einen so guten Ruf hatte, ist auch seinem Sach- und Fachverstand und seinen Führungsqualitäten zu verdanken.
Über 500 Menschen folgten der bewegenden Trauerfeier. Es wurde ganz deutlich: Die hohe Achtung vor ihm hing nicht nur mit seiner fachlichen, sondern auch mit seiner sozialen Kompetenz zusammen. Denn er hatte immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter und hat sich ohne Wenn und Aber vor seine Leute gestellt, wenn sie seiner Meinung nach von anderen ungerecht angegriffen wurden. Dafür hat er auch nicht den Konflikt mit dem Minister gescheut.
Nach der Trauerfeier fragten mich einige junge Kriminalisten, warum es eigentlich so wenige Führungskräfte wie ihn gäbe, die so viel Vertrauen bei ihren Mitarbeitern haben.
Vielleicht werden sie manchmal falsch ausgesucht, in dem man nur auf Fachkompetenz und politische Anpassungsfähigkeit setzt.
Nur-ohne soziale Kompetenz können sie nicht wirklich führen .Oder?
Peter Raisch ist tot - Chef des hessischen Landeskriminalamtes mit 63 gestorben
05.01.2010 - WIESBADEN
(red). Der Präsident des hessischen Landeskriminalamts (LKA), Peter Raisch, ist tot. Der 63-Jährige starb am Montag an einem Herzinfarkt, wie die Landesregierung am Dienstag in Wiesbaden mitteilte.
Die Landesregierung und die hessische Polizei trauerten um eine große Persönlichkeit, erklärten Ministerpräsident Roland Koch und Innenminister Volker Bouffier (beide CDU). Raisch habe sein berufliches Leben der Sicherheit der Bürger gewidmet, er sei ein wichtiger Impuls- und Ideengeber gewesen. Der gebürtige Mannheimer hinterlässt Frau und drei Kinder.
Raisch hatte in seiner langen Polizeilaufbahn oft mit Extremisten aus allen Lagern zu tun. Sei es bei Ermittlungen nach RAF-Anschlägen oder bei der Aufklärung von Brandanschlägen gegen Asylbewerberheime. Zuletzt musste er sich als Chef des hessischen Landeskriminalamts vermehrt mit islamischem Terror auseinandersetzen.
Nach einer Maschinenschlosser-Lehre hatte der gebürtige Mannheimer in Baden-Württemberg seine Grundausbildung bei der Polizei absolviert, 1971 wechselte er zur Kriminalpolizei. Als sich Deutschland wiedervereinigte, leistete Raisch Aufbauarbeit in Sachsen und wurde Leiter des dortigen Landeskriminalamts. Im Herbst 2003 holte ihn Bouffier an die Spitze der obersten Polizeibehörde in Hessen.
***************************************************************************
Trauerfeier für Peter Raisch
am Dienstag, 12. Januar, 11.00 Uhr in der Lutherkirche in Wiesbaden
Ansprache von Heinz Eggert
Staatsminister a. D.
Liebe Christel , lieber Stefan, lieber Andreas, lieber Jan.
Lieber Volker Bouffier, liebe Trauergemeinde!
Fünf Tage vor seinem Tod habe ich mit Peter Raisch noch telefoniert.
Diese Woche wollten wir uns treffen - und jetzt stehe ich hier.
Das Begreifen, dass er nicht mehr da ist, wird lange dauern, dazu ist er einfach immer noch zu lebendig.
Es gibt Menschen, die werden 80 oder 90 und zu ihrem Leben fällt uns nicht viel ein.
Zu Peter Raisch fällt mir sehr, sehr viel ein- und ich bin mir sicher, es geht nicht nur mir so.
Denn nicht die Anzahl von Lebensjahren machen die Substanz und das endgültige Ergebnis aus,
sondern ihre Intensität ,Dynamik und Lebendigkeit .
Das was ein Mensch ins Leben einbringt und das , was er aus der ihm geschenkten Zeit macht.
Peter Raisch hat viel aus seiner geschenkten Lebenszeit gemacht.
Das werden wir alle erst so richtig begreifen, wenn wir seinen Sach und- Fachverstand nicht mehr in Anspruch nehmen oder ihn auch als Freund nichts mehr fragen können.
Allerdings hat er auch den größten Teil seiner Lebenszeit zur Arbeitszeit umgewidmet.
Wenn alle die von ihm geleisteten Arbeitsstunden angerechnet werden würden, er wäre schon einige Jahre in Pension gewesen.
Wir haben uns im Herbst 1991 in Dresden kennen gelernt.
Das war eine Zeit drängender Probleme, die schnelle- aber gut durchdachte -Problemlösungen erforderte, oftmals unkonventionell.
Ein schneller und guter Draht zueinander war notwendig.
Peter Raisch war -wie viele Westdeutsche- damals nach Sachsen gekommen um beim Aufbau neuer Strukturen zu helfen. Im Gegensatz zu manch anderen, die nur sich selbst geholfen haben - war er allerdings für Sachsen tatsächlich ausgesprochen hilfreich.
In einer Zeit des Umbruchs und des Neuanfangs, in der die Kriminellen sich immer unangefochten glauben,
mit einer völlig verunsicherten Sächsischen Polizei,
die aus der DDR Volkspolizei hervorgegangen war,
nicht funktionierenden alten Strukturen,
ständig laufenden Vergangenheitsüberprüfungen
- wem konnte man trauen und wem nicht -
hat er die Leitung des Aufbaustabes des Landeskriminalamtes in Sachsen übernommen.
Da war er so etwas wie ein lebendiger Demokratietransfer.
Oftmals nachts, wenn die offizielle Arbeitszeit um 23:00 Uhr abgebrochen worden und ich in meiner Wohnung angekommen war, klingelte das Telefon und mit seiner unverwechselbaren Stimme fragte Peter Raisch: Heiner, Du willst doch nicht etwa jetzt schon schlafen. Wir hätten noch etwas mit Dir
beim Wein zu besprechen.
Wir, das waren Peter Raisch, der spätere Inspekteur der sächsischen Polizei Helmut Spang und der jetzige Chef des Landeskriminalamtes Sachsens Paul Scholz, die in einer WG zusammenlebten.
Damals waren wir alle 18 Jahre jünger.
Ich habe in diesen Nächten viel gelernt und bin auch heute noch sehr dankbar dafür, dass ich in diesem Kreis- auch als Minister- so kameradschaftlich aufgenommen worden bin.
Ich war Minister, aber Peter Raisch war mein Lehrmeister und wurde mir zum Freund.
Ich habe damals gelernt, dass Sicherheit kein Spielball politischer Interessen sein darf.
Dazu ist das Thema zu ernst.
Ich habe gelernt, dass es keine politischen Entscheidungen gegen den Sach- und Fachverstand von Sicherheitsexperten geben darf. Der Preis ist zu hoch.
Und ich habe gelernt, dass Polizist kein Beruf, sondern eine Berufung ist, und dass unsere Gesellschaft nur deswegen so sicher lebt, weil sich viele in diesem Beruf selbst nicht schonen.
So wie auch Peter Raisch sich nie geschont hat.
Er war ehrgeizig, rastlos und unermüdlich, hart und unerbittlich, wenn es um die Sache ging und er hat sich und anderen viel, sehr viel abverlangt.
Die richtigen Charaktereigenschaften für diese schwierige Zeit.
1991 standen wir alle unter einem ungeheuren Zeitdruck.
In diesen Nächten sind auch die Strategien über grenzüberschreitende polizeiliche Zusammenarbeit mit den polnischen und tschechischen Kollegen, Strategien zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der kriminalpolizeilichen Prävention vorgetragen, diskutiert und auch gleich von mir politisch akzeptiert worden.
Es war für mich lebendig und überzeugend.
Ich brauchte dazu keine Zuarbeit, die über sechs Schreibtische gegangen war.
Die damals ins Leben gerufene Sonderkommission Rechtsextremismus hat bundesweite Beachtung gefunden. Bis heute gewährleistet sie die konsequente Verfolgung und schnelle Aufklärung besonders rechtsextremistischer Straftaten.
Peter Raisch schlug damals als Leiter für die Soko-Rex einen jungen, mir unbekannten sächsischen Polizisten, Bernd Merbitz, vor. Ich habe mich auf Peters Menschenkenntnis verlassen.
Bernd Merbitz ist heute sächsischer Landespolizeipräsident.
Unter diesen - von mir nur kurz skizzierten, ausgesprochen schwierigen Bedingungen -
wollte Peter Raisch die Kriminalitätsbekämpfung in Sachsen voranbringen, wollte er ein modernes und schlagfertiges Landeskriminalamt entwickeln- und wir können heute nur dankbar sagen-
es ist unter seiner unverwechselbaren professionellen Leitung gelungen, das Sächsische Landeskriminalamt, dessen erster Präsident er dann wurde, zu einem geachteten Partner im Kreis der 16 Länder und des Bundes zu machen.
Dafür soll ich heute noch einmal ausdrücklich den Dank des sächsischen Ministerpräsidenten Tillich
und des jetzigen Innenministers Ulbig weitergeben, die Dir liebe Christel und deiner Familie,
in dieser Verbundenheit kondolieren.
Aber die Achtung und die Anerkennung für Peters unermüdliches Wirken kommen nicht nur von der Regierungsspitze.
Sie kommt auch von der ihm vertrauten Basis, die auch ihm sehr vertraut hat.
Große Achtung und Traurigkeit über seinen Tod sind die Gründe,
warum sich mitten in dieser Nacht so viele sächsische Kollegen und Kolleginnen auf den Weg zu dieser Trauerfeier gemacht haben
und warum heute - besonders im sächsischen Landeskriminalamt- so viele Mitarbeiter hierher denken.
Anerkennung von der Basis bekommt man nie geschenkt.
Sie ist schwieriger zu erreichen als Anerkennung von „ Oben"!
Peter Raisch hat sie sich in seiner Leitungsfunktion hart erarbeitet.
Noch heute spricht man vom beflügelten Anfangsgeist der Neuländerstraße.
Nur weil Peter Raisch selbst viel von sich verlangt und sich selbst nicht geschont hat ,
haben ihm seine Mitarbeiter auch abgenommen, dass er viel von ihnen verlangt und sie manchmal auch nicht geschont hat.
Ohne Arroganz, ohne Besser-wessi-tum und ohne Überheblichkeit.
Ihn haben die Fähigkeiten und das Engagement seiner Mitarbeiter interessiert, nicht ob sie aus dem Osten oder aus dem Westen kamen. Er teilte kollegial seinen Sach- und Fachverstand.
Er hatte immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter und hat sich ohne Wenn und Aber vor seine Leute gestellt, wenn sie seiner Meinung nach von anderen ungerecht angegriffen wurden.
Wer, so wie er, auch den Konflikt mit dem Minister nicht gescheut hat, um sich für seine Mitarbeiter einzusetzen und stark zu machen, dem kann man die Achtung nicht versagen, selbst wenn man manchmal anderer Meinung war.
Es gibt zu wenige von solchen Führungskräften.
Peter Raisch hat auch immer darauf geachtet, dass Polizisten für eine gemeinsame Sache zusammenstehen. Besonders dann, wenn einer unverschuldet in eine Notlage gerät.
Daraus resultierte auch sein soziales Engagement im Unterstützungsverein der Polizei Sachsens, den er 1993 mit gründete. Durch Peters aktive Mitarbeit konnten so auch die Folgen der Hochwasserkatastrophe 2002 für viele Polizistenfamilien gemildert werden.
Der Name Peter Raisch wird besonders im sächsischen Landeskriminalamt aber auch in ganz Sachsen immer einen sehr guten Klang haben.
Zum Schluss möchte ich noch ein paar Worte zu Christel Raisch sagen:
Liebe Christel, es war immer ein wenig im Verborgenen, aber ein Quell seiner Stärke warst Du.
Dein Mann Peter hätte nie das sein können, vielleicht auch gar nicht sein wollen, wenn er Dich nicht gehabt hätte.
Als er mir erzählte, dass Du bereit warst für sein Weiterleben, eine Niere zu spenden
und ich ihm sagte: Weißt Du eigentlich was Du für eine tolle Frau hast?
Da sagte er: Das musst Du mir nicht erzählen, ohne sie wäre ich nie das was ich bin!
Von daher geht heute viel Wertschätzung für seine Person auch auf Dich und Deine Söhne über.
Das sollte Euch auch ein wenig Trost vermitteln.
Vielleicht haben wir wirklich zwei Leben. Ein Leben vor dem Tod und eines danach.
Das erste hat er genutzt, dafür danken wir ihm und auf das zweite hoffen wir für ihn und für uns.
Wir werden heute der Trauer über den Tod meines Freundes Peter Raisch Recht geben müssen.
Aber er wird immer viel zu lebendig sein, als dass diese Trauer das letzte Wort behalten könnte.
Das wünsche ich Euch besonders als Familie und uns allen.
Danke!
Morgenpostkolumne 3. Januar 2010
Heinz Eggert
Kaffeesatzleserei
Als Papst Innozenz XII. 1691 den 1. Januar als den ersten Tag des Jahres endgültig festlegte beseitigte er den Streit über den Kalender, der oft genug Zankapfel zwischen Kaisern oder Päpsten war. Wenn er nur geahnt hätte, was er uns damit an tut.
Aber wie alle Jahre wieder ist es geschafft.
Wie vom Kalender gefordert, waren wir lustig und haben gefeiert.
Von den 290 Millionen SMS-Nachrichten die in der Neujahrsnacht in Deutschland verschickt werden, habe ich 63 bekommen. Von den Raketen, die die Deutschen jedes Jahr für mehr als 100 Millionen Euro in den Silvester-Himmel knallen, habe ich noch weniger mitbekommen.
Nur unser Schäferhund hat sich bei dem Lärm der Explosionen knurrend verkrochen.
Für Hunde muss Silvester genauso fürchterlich sein, wie für uns das lesen und hören von Jahresausblicken und Vorhersagen weil ja letztlich allen der Überblick fehlt.
Nicht umsonst sagen die Japaner „Sobald man davon spricht, was im nächsten Jahr geschehen wird, lacht der Teufel."
Und so gibt es keine Zeitschrift und keine Fernsehsendung, in der sich Wahrsager, Wirtschaftsweise und Politiker mit ihren Ausblicken in das Jahr 2010 versuchen und wo der Teufel bei allem Vordergründigen im Hintergrund grinst.
Natürlich verstärkt die Sucht nach guten Botschaften unsere Leichtgläubigkeit.
Aber wer sich über die neuen Steuergeschenke freut, sollte erst einmal die neue Abgabenlast überprüfen. Denn einen Lastenausgleich wird es nicht geben.
Mit meinem Horoskop kann ich als Stier zufrieden sein:"Grundsätzlich wird das Jahr 2010 für die meisten Stiere ein durchweg positives Jahr ohne große Probleme."
Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich zu den meisten gehöre.
Es ist wie bei den Wirtschaftsprognosen. Würfeln bringt uns offensichtlich genauso weit.
Die Lage stabilisiert sich, die Wirtschaft kommt langsam wieder in Fahrt, es gibt eine Belebung des privaten Konsums, sagen die einen.
Die Firmenpleiten nehmen zu, die Kaufkraft wird um 8 Milliarden abnehmen, Strom und Ökostrom-Anbieter werden kräftig die Preise anziehen, sagen die anderen.
Alles ernst zu nehmende Wirtschaftsinstitute.
Die Prognosen der Politiker sind natürlich eng an ihre Ideologien gebunden.
Eines kann man aber gewiss sagen: die politischen Aufsteiger am Anfang des Jahres werden die politischen Absteiger am Ende des Jahres sein. Das ist so in einem geschlossenen System.
Jetzt hat uns unsere Kanzlerin auf ein schwieriges Jahr 2010 eingestimmt.
Das ist ehrlicher als Zweckoptimismus. Wenn sie aber jetzt noch mit ihrer Regierung politisch daran arbeitet, Schwierigkeiten für die Bürger zu beseitigen statt sie zu produzieren, könnte 2010 ein ganz gutes Jahr werden. Oder?
Weihnachten im Zittauer Gebirge oder die vielen kleinen Weihnachtswunder
Heinz Eggert
(geschrieben für die SUPERILLU 23.12.2209)
Für Kinder ist Weihnachten immer das Fest der Wunder und Überraschungen. Wir Erwachsenen sind da schon ein wenig abgeklärter, manchmal auch abgebrühter aber nicht glücklicher. Wir haben das Staunen verlernt!
Wer es wieder lernen will, muss über Weihnachten in das Zittauer Gebirge fahren und Oybin besuchen. Da stellt sich das Staunen von ganz alleine wieder ein, wenn die harmonisch romantischen Landschaftsbilder sich wärmend in der Seele widerspiegeln. Trotz der Kälte!
Nicht von ungefähr haben sich die großen romantischen Maler, wie Caspar David Friedrich hier gerne aufgehalten um ihre Bilder zu malen, die uns heute noch berühren.
Als mich die Liebe vor 40 Jahren das erste Mal von der Ostseeküste nach Oybin brachte, erweiterte ich sie sehr schnell auf diesen traumhaften Ort , seine kleine romantische Bergkirche ,das Zittauer Gebirge und seine wunderschöne bergige und waldige Umgebung . Hier, an der Grenze zu Tschechien und Polen, leben Menschen, die von der Geschichte noch nie besonders verwöhnt worden sind, aber an Freundlichkeit nichts eingebüßt haben. Deswegen lebe ich jetzt noch immer gerne hier. Mit der, wegen der Steigung, vor sich hin schaukelnden und schnaufenden Schmalspurbahn- „ dem Zug ohne Eile"-fuhren wir damals von Zittau aus an einem bienenkorbähnliches Sandsteinmassiv -dem Berg Oybin- vorbei in ein Tal ,umgeben von einem Kranz grüner Berge, die jetzt im Winter tief und wild verschneit sind. Da setzt das Staunen von ganz alleine wieder ein!
In der Abenddämmerung scheinen das Gebirge und der ganze Ort verzaubert.
Überall in den verschneiten Gärten leuchten Tannenbäume. Die kleinen Umgebindehäuser sind weihnachtlich geschmückt. Gedrechselte und geschnitzte Bergmänner und Lichterengel lugen hinter den kleinen verschneiten Fenstern hervor und die Herrnhuter Sterne leuchten weit in die weihnachtliche Landschaft.
Wo das Alltagsleben besonders hart war oder ist, bringt man immer selbst ein wenig mehr wärmendes Licht und Farbe in das Leben. Das machen wir uns heute, die wir von diesen schönen Traditionen leben, kaum noch bewusst.
Spätestens beim Besuch der kleinen Bergkirche in Oybin verstehen wir das.
Von außen schmiegt sich die Kirche an den großen Berg.
Innen ist sie dem Verlauf des Felsens angepasst, auf den sie gebaut wurde.
Stufen wurden in den abschüssigen Felsen geschlagen. Hier wurden die Sitzbänke eingebaut- so dass der Pfarrer auf der Kanzel nie höher steht, als die Kirchbesucher in der letzten Reihe sitzen.
Sehr demokratisch! Auch wer oben steht, hat keinen Grund abzuheben.
Alles in dieser Kirche ist aus Holz gebaut. Das war am billigsten. Dann wurde das Holz „marmoriert „ oder mit im bäuerlichen Barock gehaltenen Ornamenten versehen. So brachten die Oybiner ihre eigene Arbeitskraft und ihre Kunstfertigkeit ein. Sie bauten diese Kirche nicht um dem Menschen zu zeigen wie klein er sei, sondern sie ermutigen den Besuchern dadurch, Mensch in einer einfachen Welt zu bleiben und sich das Leben trotzdem wärmer und farbiger zu gestalten
An dieser Kirche war ich seit 1974 Pfarrer.
Jedes Jahr Heiligabend ein kleines Weihnachtswunder. Nur 340 Kirchenmitglieder im Ort. Aber zur Christnacht kamen fast 700 Besucher.
Die Kerzen brannten, die alten Weihnachtslieder wurden gesungen, die Stasispitzel schrieben die Predigt mit.
Das Krippenspiel der Kinder brachte die Augen der Alten zum leuchten. Natürlich kannte ich sie auch, die alten Frauen, die sich mit ihren einfachen Mänteln und Kopftüchern in die Nähe des Weihnachtsbaumes setzten und auswendig die alten Weihnachtslieder sangen.
Viele hatten ihre Männer und Söhne im Krieg verloren, sich mühsam ein einfaches und bescheidenes Leben wieder aufgebaut und waren jetzt allein.
Aber das war das nächste kleine Weihnachtswunder in Oybin. Heiligabend ließ man sie nicht allein. Auch bei allen Streitigkeiten des Jahres . Natürlich wurden sie von Nachbarn oder Freunden eingeladen. Der selbst gebackene Stollen wurde probiert, es gab Bratwurst mit Kartoffelmus oder Karpfen, auf alle Fälle Glühwein für alle. Denn wer kann Heiligabend fröhlich feiern, wenn er weiß, dass der Nachbar alleine und traurig in seinem Zimmer sitzt. In Oybin konnte das keiner. Vielleicht haben wir schon vergessen, dass zum Wohlstand auch Anstand gehört und es nicht immer nur um Geld, sondern auch um menschliche Wärme, Anteilnahme und Würde geht. Keiner von uns weiß, wann er einmal auf andere angewiesen ist.
Wer heute am ersten Weihnachtsfeiertag durch Oybin geht, traut seinen Augen nicht.
Eine festlich geschmückte Kutsche mit einem Kaiserpaar, in vornehmer Begleitung, rollt durch den Ort. Es ist der Einzug von Kaiser Karl IV. am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1369 nachgestellt. Damals hatte der Kaiser die Mönche des Cölestiner Ordens besucht, um ihnen im Streit mit der Stadt Zittau beizustehen. Dabei stiftete er ein Kloster auf dem Berg Oybin.
Jaja, Oybin, der Ort der nach seinem Berg benannt wurde, hat schon Geschichte geschrieben, als Berlin noch aus lauter kleinen Dörfern bestand.
Seit damals hat sich eines nicht geändert, die freundliche Begrüßung des Kaiserpaares durch die Bevölkerung. Die wandert dann gemeinsam mit den Kaiserpaar an der alten Bergkirche vorbei auf den großen Berg Oybin um in der romantischen Klosterruine mit einem Chor, mit Mönchen, den Besuchern und Schafen Weihnachten zu feiern.
Das ist das eigentliche Weihnachtswunder von Oybin. Der Besucher besucht das weihnachtliche Oybin und begegnet sich mit seinen Wünschen und Sehnsüchten selbst.
Vielleicht begegnen wir uns einmal dabei.
Morgenpostkolumne 20. Dezember 2009
Weihnachtswunder
Weihnachten ist eigentlich immer für Überraschungen gut. Wir wissen zwar alle, dass das Wesentliche und insgeheim Erträumte doch nicht zu kaufen ist und versuchen es doch immer wieder.
Vielleicht ist wirklich der am besten dran, der das hoffen auf ein Wunder nie aufgegeben hat.
Das macht uns menschlicher und offener, als wenn wir die Banalitäten des Lebens für reales Leben halten. Das hört sich jetzt alles ein wenig nach Predigt an. Ich weiß!
Das ist aber auch nicht verwunderlich, weil ich 16 Jahre lang in der Oybiner Bergkirche zu Weihnachten gepredigt habe.
Dort vollzog sich jedes Jahr ein kleines Weihnachtswunder. Wir hatten zwar nur 320 Kirchgemeindemitglieder, aber zur Christnacht kamen manchmal über 700 Besucher, so dass manche wieder gehen mussten, weil die Kirche überfüllt war.
Die Weihnachtsgeschichte wurde gespielt, die alten Kirchenlieder gesungen und die Stasispitzel schrieben die Predigt mit.
Ich habe meine Predigten nie aufgehoben, aber fast alle in meiner Stasiakte wieder gefunden.
Da stellt sich bei mir trotzdem keine Dankbarkeit ein, denn sie sind
zusammengeheftet mit Berichten, in denen der Gottesdienst eingeschätzt und die Staatsfeindlichkeit des Pfarrers herausgearbeitet wurde.
In allen Berichten schießt ein Stasispitzel aus Löbau den „Vogel\" ab.
Am 9.1.1984 schreibt er in seinem Bericht, dass er seiner alten Mutter eine Freude machen wollte und mit ihr mit dem Zug zur Oybiner Christnacht gefahren sei. Die Kirche wäre zum Brechen voll gewesen und die Predigt stellte eine einzige Anklage gegen das politische System der DDR da.
Er begründet das auch. Der Pfarrer habe behauptet, dass die Resignation immer mehr um sich greife. Die Geburt Christi habe sich nicht hinter verschlossenen Türen abgespielt, die die Bevölkerung dann nur hinnehmen und öffentlich begrüßen durfte. Es fehle an Offenheit in der Gesellschaft. Damit habe der Pfarrer nur das System der DDR meinen können. Zweifellos das wäre es aber auch gewesen dass die Predigt bei den Bürgern außerordentlich gut ankam.
Ein kluger Mann, der die Interpretation meiner Worte der Staatssicherheit gleich selbst erklärt.
Aber auch ein hinterhältiger Mann. Denn zum Schluss denunziert er ein Ehepaar, das ihn und seine Mutter im Pkw RZL 0-85 mit nach Zittau nimmt .Dieses Ehepaar hätte geäußert, dass ihnen die Predigt aus dem Herzen gesprochen wäre. Die Adresse könne über die Polizei erfragt werden.
Zum Schluss bittet er seine Mutter, den Pfarrer um die Zusendung der Predigt zu bitten, weil sie so toll sei und er sie an Bekannte weitergeben wolle.
Die" Bekannten" sind jetzt bekannt. Dass sie jetzt keine Macht mehr haben, ist für mich auch nach 20 Jahren immer noch einWeihnachtswunder.
Und Wunder machen dankbar. Oder?
Mopokolumne 06.12.2009
Nicht immer richtet sich das Wetter nach dem Kalender. Bei herbstlichem Wetter wird der Dresdner Weihnachtsmarkt eröffnet. Er ist wie eine kleine Weihnachtsstadt, die sich romantisch durch die Dresdner Innenstadt zieht.
An vielen Glühweinständen und Fressbuden vorbei, können die Besucher von der Hauptstraße, vorbei an den historischen Weihnachtsmärkten im Stallhof und an der Frauenkirche bis zum Altmarkt schlendern.
Schön wenn das übliche Weihnachtsmarktangebot mit Kunsthandwerk kombiniert wird.
In historischen Kostümen wird getöpfert, geschmiedet, gebacken, gemalt- und gesungen.
So wie die zwei mittelalterlich gekleideten Sänger vor der Frauenkirche , die alte Weihnachtslieder zur Laute singen. Geradezu entspannend schön, wenn die dudelnden Weihnachtsliedkonserven aus den Lautsprechern die Ohren nicht im Übermaß beleidigen.
Beim Glühwein erzählt mir eine ältere Dame ganz begeistert, dass sie von Stuttgart aus wieder in ihre alte Heimatstadt Dresden gezogen ist. Die Kindheitserinnerungen, die Schönheit der Stadt, das ungeheure Kulturangebot und die vielen freundlichen Menschen haben sie wieder zurückgezogen.
Um uns herum mischen sich viele Sprachen im Weihnachtsgewirr. Japanisch, Tschechisch, Russisch, Polnisch, Englisch wird nur noch lautstark durch den sächsischen Dialekt überlagert.
So geben in freundlicher Atmosphäre die einen Geld aus und die anderen nehmen es ein.
Weihnachtsgeschäft! Daran versuchen sich natürlich auch andere zu beteiligen.
Organisiertes Betteln, wird inzwischen sehr einfallsreich und nicht nur durch vorgebliche Armut betrieben.
Vormittags sieht man, nicht gerade warm gekleidete junge tschechische Zigeuner in Gold und Silberkostüme schlüpfen, um dann in unbeweglicher Beweglichkeit die Touristen zum Fotografieren und Geldspenden zu animieren. Körperlich anstrengend der Job.
Am Abend werden sie dann durch einen gut gekleideten Zuhältertypen wieder abkassiert, der sofort sein Deutsch vergisst, wenn man ihn darauf anspricht.
Kriminalität im Graubereich.
Das mobile Polizeirevier auf dem Weihnachtsmarkt mit seinen herum streifenden „ zivilen „Polizisten
macht trotzdem, wie schon in den letzten Jahren, den Weihnachtsmarkt sicherer.
Dass die Straftaten zurückgegangen sind, ist auch in ihrer engagierten Arbeit zu verdanken.
Selbst warten sie natürlich nicht auf den Weihnachtsmann, sondern darauf, dass mal ein hoher Polizeiführer oder vielleicht sogar der Innenminister auf einen Kaffee vorbeikommt.
Denn Anerkennung und Motivation sind Geschenke, die selbst auf dem Weihnachtsmarkt für Geld nicht zu kaufen sind. Aber noch ist ja Zeit dazu. Oder ?
Morgenpostkolumne 22 November 2009Heinz Eggert Reise in ein unbekanntes Land
Der Ort des Anrufs überraschte mich. Tirana. Ob ich an einer Konferenz mit Publizisten und Ministern teilnehmen würde. Thema: Demokratische Entwicklung nach 1990 in Albanien und Deutschland. Ich wollte. Denn ich wusste fast gar nichts über Albanien und habe einen ungeheuren Respekt vor Völkern, die ihre Diktaturen abschaffen. In der DDR wurde Albanien aus ideologischen Gründen totgeschwiegen und nach 1990 nimmt die Welt Albanien nicht wahr. Sehr zu Unrecht, wie ich jetzt weiß. Ankunft bei Regen am Flughafen. In einem Riesentempo 20 km über verstopfte Straßen nach Tirana. Europäische Straßenverkehrsordnung. Keiner hält sich daran. Wer zuerst fährt hat gewonnen. Zwischen allen Autos Mopedfahrer - natürlich ohne Helm - in einem atemberaubenden Zick-Zack. Erst Hupe, dann Bremse. Ampeln regeln nichts. Polizisten auch nicht. Ihrem imponierenden Aussehen steht ihr niedriges Ansehen in der Bevölkerung gegenüber. Aber warum sollen sie sich auch für 210 € im Monat übermäßig engagieren. Obwohl besser, als zu den 24 % Arbeitslosen zu gehören. Der Innenminister sagt mir, Albanien hätte sehr gute Gesetze. Sie würden nur nicht eingehalten. Als ich ihm sage, dass das Durchsetzen wohl seine Aufgabe sei, lacht er und sagt: Du kennst den Balkan nicht. Das stimmt: Rauchen ist z.B. in allen Gaststätten per Gesetz verboten. Ich teste es und zünde mir ein Zigarillo an. Sofort kommt ein Kellner ---und stellt mir einen Aschenbecher hin.
Ich treffe mich mit einem Lehrer. Er hat Dinge erlebt, die wir -Gott sei Dank - nicht erleben mussten. 1986 wurde er zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er gesagt hatte: Er könne sich vorstellen, dass es einen Gott gibt. Der Staatsanwalt von damals ist Richter von heute. Er selbst durfte nie wieder als Lehrer arbeiten. Momentan werden viele Lehrer in den Schuldienst eingestellt. Ihre "Qualifikation": sie haben dem Ministerpräsidenten beim Wahlkampf geholfen. Ob das für die Schüler gut ist?
Abends ruft mich Artur an. Wir kennen uns nicht. Er ist wie ich, bei den Euro-Bikern und hat gehört, dass ich in Tirana bin. Beim Bier erzählt er mir, dass er wie viele junge Menschen vor 1990 Schwimmen trainiert habe. Der einzige Fluchtweg - durch die Adria nach Italien zu schwimmen. Viele sind auf dem Weg in die Freiheit ertrunken. Von den Mauertoten in Berlin weiß die ganze Welt. Von diesen Toten nicht. Sie sind in unserer Wahrnehmung genauso ausgeblendet wie Albanien und seine neueste Entwicklung. Die Albaner sind zu Recht stolz auf ihre Entwicklung.
Natürlich ist Albanien noch keine Demokratie. Aber sie sind auf dem Weg dahin. Deshalb muss Europa auch helfen. Oder?
|
||
|
|
Posts: 66
Comments: 20
Zur besseren Übersicht habe ich meine Beiträge thematisch aufgelistet










