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Blogs - HeinzEggert's blog / MOPO Kolumnen - Posts
14 March, 201014 March, 2010 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

Morgenpost Kolumne  14. März 2010

Heinz Eggert

Sex- Gespräche

 

Am Donnerstagvormittag in der Dresdner Alaun Straße. Sieben zwölf bis dreizehnjährige Schüler kommen auf mich zu und fragen, ob ich an einer Umfrage der Schule teilnehmen würde.

Ich will.

Aber, sagt der  eine etwas wichtig und gleichzeitig warnend, es geht um das Fach Sexualkunde.

Wie auf Kommando schauen mich alle gleichermaßen gespannt an.

 Ich will immer noch.

Während einer  die Fragen abliest und die Antworten notiert, beobachten mich die anderen ganz genau.

Die Fragen sind nicht ohne.

Wie alt ich gewesen wäre, als ich den  ersten Geschlechtsverkehr gehabt hätte?

Wo das gewesen sei? Welches der außergewöhnlichste Ort gewesen sei, an dem ich Sex gehabt hätte?

Ich antworte offen und fast wahrheitsgemäß.

 Jeder Antwort wird von einem kleinen netten bebrillten  Jungen  mit „Cool!“kommentiert, wobei er dabei immer einen seiner Schulkameraden in die Seite stupst.

 Als ich dann die letzte Frage:“ Ob ich immer noch Sex hätte?“ mit den Worten beantworte :“Dass man das im Leben, was Spaß macht, nie aufgeben sollte, solange man es noch kann!“;zieht er das“ Cooooooool!“ besonders lang.

Dann werde ich noch gelobt, dass ich bisher der Einzige sei, der  wirklich alle Fragen beantwortet hätte.

 Jetzt frage ich zurück.

 Ob der Lehrer ihnen die Fragen auf geschrieben hätte, oder ob sie von alleine darauf gekommen wären. Stolz erzählen sie, dass sie sich die Fragen selber erarbeitet haben, weil es sie interessiert.

Als ich sie frage, ob sie diese Frage auch  ihren Eltern stellen würden, schütteln sie einvernehmlich den Kopf und geben dann ihrem  Klassenkameraden Recht ,der meint, den Eltern könne man diese Fragen nicht stellen, weil man sie zu gut kenne.

Dann gehen sie weiter und umringen eine verdutzte Frau, um ihre Fragen erneut zu stellen.

Beim Weitergehen überlege ich, wie es wohl insgesamt bewertet würde wenn ich einem Dreizehnjährigen ungefragt diese  Antworten gegeben hätte.

Aber hier ergibt sich die Antwort auch gerade  aus dem Faktischen.

Wenn wir gefragt werden, sollten wir  antworten. Vom Verständnishintergrund der Jugendlichen ausgehend- offen und  unverkrampft. Damit Prüderie und Verklemmtheit sie nicht auf falsche Quellen verweisen.

Aber wir sollten es uns auch selbst verbieten, gerade bei allen Dingen, die die  Sexualität betreffen, Antworten auf Fragen zu geben, die von ihnen überhaupt nicht gestellt worden sind.

Oder?

26 February, 201026 February, 2010 2 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

 

 
 
                                    
                        

Morgenpostkolumne 28.02.2010

Heinz Eggert

Überfälliges und Überflüssiges

 

Auf der Augustusbrücke in Dresden kommt mir am Vormittag ein kräftiger, junger, leicht alkoholisierter Mann entgegen. Es entwickelt sich folgender Dialog.

Er: Ach der Eggert! Was tun sie eigentlich?

Ich (grinsend ) : Nichts!

 Er grinst zurück: Ich tue heute auch nichts!!

Ich:  Ich vermute einmal, Du hast gestern auch nichts getan!

Er lachend: Bingo, und  Morgen auch nicht. Und geht’s mir schlecht?

Ich grinsend: Nee, siehst nicht so aus.

Also zwei momentane Nichtstuer, könnte man meinen.

Mit einem Unterschied - ich habe 49 Arbeitsjahre hinter mir und er offensichtlich  keins und lebt trotzdem ganz gut, wenn sich nichts ändert

 Aber es muss sich etwas ändern.

Denn es  ist schon lange nicht mehr lustig.

Gemeinsam haben der junge Mann und ich , dass wir beide von denen finanziert werden, die jetzt arbeiten ,Steuern  und Abgaben zahlen , finanziell für die Fehler der Banker und die Verschwendungen der Politiker geradestehen müssen und nicht wissen, wie ihre eigene Altersabsicherung einmal aussehen wird.

Dazu kommt noch, dass die Lebenserwartung zugenommen hat- was menschlich nur zu begrüßen, finanziell  aber eingerechnet werden muss.

Es darf auch nicht übersehen werden, dass  die zu versorgenden Alten zu- und die jungen Arbeitsfähigen abnehmen.

Das soziale Netz wurde  einmal  zu Zeiten geknüpft, als es darum ging die größte Not zu lindern für Menschen, die sich wirklich nicht selbst helfen konnten.

Leider  gibt es  heute auch Menschen, die nur noch auf die Unterhaltungspflicht des Staates vertrauen und keinerlei Leistungsbereitschaft zeigen. Oftmals auch, weil es sich  für sie auf Grund ihrer Geringqualifizierung nicht  lohnt. Sie nutzen ein System aus, das sie selbst nicht geschaffen haben und in das –alleine für Hartz IV -jährlich 45 Milliarden € gepumpt werden.

Natürlich  sind  sie nicht in der Mehrheit und sind auch nicht das alleinige Problem dieses  Systems, das überlastet und nicht mehr tragfähig ist .Ideologien erweisen sich als zu  teurer Realitätsverlust.

Der soziale Frieden ist ein sehr hohes Gut. Wer mit der Brechstange Änderungen vornehmen will, gefährdet ihn genauso, wie der, der  auf dem jetzigen Status verharrt.

Keine Überlegung darf ausgespart werden, wenn sie sich realitätsbezogen an verantwortbaren Zahlen festmacht.

Das soziale Netz ist sehr filigran und kann  nur behutsam verändert werden. Wer auf stetige Staatsverschuldung setzt, muss wissen, dass  er heute gewissenlos das Holz verfeuert, das später einmal die Enkel wärmen sollte. Beleidigende Holzhackermentalität ist aber  genauso unangemessen.

Wenn Westerwelle einmal 1 Jahr lang von Hartz IV gelebt hat und dann meint, dass der Betrag zu hoch sei, wäre er bestimmt  glaubwürdiger als jetzt. Oder?

                     
   
12 February, 201012 February, 2010 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

Morgenpost  Kolumne 14.  Februar 2010

Heinz Eggert

Der 65. Jahrestag der Zerstörung Dresdens.

 

Vor einem Jahr habe ich vorrauschauend diesen Bericht für  Dresden  zum  13.2.2010 geschrieben.

 „Der 65. Jahrestag der Zerstörung Dresdens.

 Wie es der Dresdner Tradition entspricht , legten die Dresdner  am 13. Februar  auf dem Heide  Friedhof Kränze nieder, um der Toten des Dresdner Bombenangriffs vom Februar 1945 und  zugleich aller Opfer der von Nazi-Deutschland ausgegangenen Verbrechen  in Stille zu gedenken.  Parteipolitische Querelen  und  politische Profilierungssüchte,  die noch 2009 vor und nach dem Gedenktag die Diskussion bestimmten, blieben aus. Da  Streit unter Demokraten immer Siegesfeier unter Nazis nach sich zieht, mussten auch diese ausfallen.

 Nachdenkliche Stille und würdevolle Trauer bestimmten den Tag  und berührten  die Welt.

Für beide Tage hatten die Dresdner sich ihre  englischen, amerikanischen und russischen Freunde eingeladen. Es sollte ein Fest der Besinnung und der Begegnung werden-ohne  parteipolitische Vereinnahmungen.

Jugendliche aller Nationen feierten und diskutierten miteinander.

Sie waren sich einig, sich nie von Demagogen so  instrumentalisieren zu lassen um sich dann gegenseitig das anzutun, was ihre Großväter einander angetan hatten.

 Da die unbelehrbaren Nazis wieder eine Großdemonstration angekündigt hatten, waren sich die Dresdner  darüber einig, dass dieser Aufmarsch nicht  durch die Innenstadt führen dürfe.

 Deshalb hatten Vereine, Verbände und die Kirchen  rechtzeitig  und fantasievoll  an allen Knotenpunkten der Innenstadt Veranstaltungen angemeldet, die von der Stadt genehmigt worden waren.

Da  für die Bürger nicht die Gefahr bestand zwischen gewaltbereiter Antifa und den rechten Schlägertrupps  verletzt zu werden, waren sie  auch überall  zahlreich anzutreffen.

Die Polizei hielt sich sichtbar und schützend im  Hintergrund.

Sie musste sich nicht wie im letzten Jahr für ihren Einsatz von den Linken beschimpfen lassen, sie wären Kumpane und Dienstleister  der Rechten.

Die aus der ganzen Republik anrollenden Busse der Nazis wurden auf den Autobahnen lange und intensiv kontrolliert, so dass mancher zu spät zu der geplanten Demonstration kam.

 Der von den Nazis geplante Demonstrationszug musste von der Stadtverwaltung über ein menschenleeres Gewerbegebiet geleitet werden. Gerichtlicher Einspruch  der Nazis musste zurückgewiesen werden,  da die zahlreichen Innenstadtveranstaltungen nicht gefährdet werden durften.

So kam es dann. Keine Gegendemonstration, keine Kameras, keine Presse- Nichtbeachtung schlug  sichtbar  in Verachtung  um.

Die Nazis waren nur eine Randnotiz am Rande des Dresdner Geschehens.  Mehr sollten wir ihnen auch nicht zu billigen.“


Gott sei Dank- ist in diesem Jahr vieles so gekommen.Alles andere machen wir 2011 besser. Oder?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TagsTags: dresden 13.februar nazis 
28 January, 201028 January, 2010 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

Morgenpostkolumne 31. Januar 2010

Heinz Eggert

Hartz IV für Taliban ?

 

Lange hatte ich sie nicht gesehen. Sie saßen dicht aneinander geschmiegt im Café in der Altmarkt- Galerie. Ihr Sohn saß glücklich dazwischen. Seinem Vater  kam alles hier so unwirklich vor, wie mir sein momentaner Einsatzort:  Afghanistan.

Verständlich, bei dem, was er erzählt. Tag und Nacht lebt er In der Welt des Krieges, des Leides, des Schmerzes  und des Misstrauens.

 Immer steht er  unter der ungeheuren Anspannung, möglichst heil und unbeschadet aus allen Auseinandersetzungen herauszukommen, weil er an seinem Leben hängt und seine Familie liebt.

 Ihr Auftrag lautet Präsenz zu zeigen. Aber das alleine kann es nicht sein.

Denn damit werden die Taliban nicht bekämpft und die Bevölkerung wird nicht geschützt.

 Die Zweifel an ihrem Einsatzmandat  behalten die Soldaten schon lange für sich.

Die Äußerungen der Politik und die öffentlichen Diskussionen  in Deutschland machen sie vorsichtig.

 Zur äußeren Unsicherheit soll nicht noch die innere kommen.

Nie weiß er, ob der Bauer, der ihn  gestern noch freundlich grüßte, nicht heute schon im Auftrag der Taliban mit einem Sprengstoffgürtel unterwegs ist und in welcher Absicht ihnen  die Kinder entgegenlaufen. Auf die korrupte Polizei, die sie selber ausbilden ist kein Verlass.

Selbstschutz ist alles.

 Seine verletzten und toten Kameraden sind eine ständige Warnung.

Während er erzählt, hält seine Frau seine Hand. Sie würde jetzt schon  gerne jetzt schon auf den zusätzlichen Sold verzichten Sie hofft einfach auf ein gutes  Ende seines Einsatzes.

Dann sind auch ihre Schlafstörungen vorbei  und das innere  Zusammenzucken, jedes Mal wenn das Wort Afghanistan fällt.

Ich frage ihn, was er von den momentanen Diskussionen über den Afghanistaneinsatz hält.

Es regt ihn mehr auf, als ein bevorstehender Kampfeinsatz.

Dass deutsche  Staatsanwälte in der Wärme ihrer Amtstuben wochenlang Zeit haben ,die Richtigkeit und Angemessenheit von Entscheidungen  zu überprüfen , die  vor Ort  im Kampf  in Sekundenschnelle getroffen werden müssen, daran haben sie sich alle schon gewöhnt.

Von mancher  unsachlichen politischen Diskussion fühlt er sich  beleidigt.

Ich frage ihn, was er von Westerwelles Vorschlag  hält, ein Aussteigerprogramm für Talibans zu finanzieren. Er lacht. Offensichtlich habe man vergessen, dass die Taliban  mehr Geld weltweit  mit Drogen machen, als der deutsche Haushalt hergeben würde.

Damit können  sie mehr Einsteigerprogramme  finanzieren als die Weltgemeinschaft Aussteigerprogramme.

Schon jetzt wisse man, dass ein Großteil der ausgebildeten Polizisten zu den Taliban überläuft und der andere Teil korrupt von der Bevölkerung Geld erpresst.

Es sei wie im Irak. Viel Militär und viel Geld bewirken keine demokratischen Strukturen.

Das scheint mir sehr logisch.

Vielleicht unterliegen wir momentan einem sehr teuren  denkerischen Kurzschluss! Oder?

14 January, 201014 January, 2010 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

 

 

 

Morgenpostkolumne  17. Januar 2010

Heinz Eggert

Führungskräfte

 

Am letzten Dienstag  fuhren wir nach Wiesbaden. Obwohl die Autobahnen schnee-und  eisfrei waren, war es eine schwere Fahrt.  Viele sächsische Kollegen und Kolleginnen hatten sich in dieser Nacht auf den Weg zur Trauerfeier für  Peter Raisch  gemacht.

Aus Achtung und Trauer für und um ihn.

12 Jahre lang war er Präsident des Landeskriminalamtes in Dresden und war dann 2003 nach Wiesbaden gegangen um dort das hessische Landeskriminalamt zu führen.

Wir haben uns im Herbst 1991 in Dresden kennen gelernt.

Peter Raisch  war  damals aus dem Westen nach  Sachsen  gekommen um beim Aufbau zu helfen. Im Gegensatz zu manchen, aus dem Westen, die nur sich selbst geholfen haben - war er allerdings für Sachsen  tatsächlich ausgesprochen hilfreich.

In einer Zeit des Umbruchs und des Neuanfangs, in der die Kriminellen sich immer unangefochten glauben, mit einer völlig verunsicherten Sächsischen Polizei,   nicht funktionierenden alten Strukturen,  ständig laufenden Vergangenheitsüberprüfungen. - wem konnte man trauen und wem nicht - hat  er das  Landeskriminalamtes in Sachsen aufgebaut.

Ich war damals  Minister und er war mir unterstellt. Aber Peter Raisch war in dieser Zeit mein Lehrmeister und wurde mir zum Freund.

Von ihm habe damals  gelernt, dass Sicherheit kein Spielball politischer Interessen sein darf.

Dazu ist das Thema zu ernst.

Ich habe gelernt, dass es keine politischen Entscheidungen gegen den Sach- und Fachverstand von Sicherheitsexperten geben darf. Der Preis ist zu hoch.

Und ich habe gelernt, dass Polizist kein Beruf, sondern eine Berufung ist, und dass unsere Gesellschaft nur deswegen so sicher lebt, weil sich  viele in diesem Beruf selbst nicht schonen. So wie auch Peter Raisch sich nie geschont hat.

Das die sächsische Polizei nach sehr kurzer Zeit schon  einen so guten Ruf hatte,  ist auch seinem Sach- und Fachverstand und seinen Führungsqualitäten zu verdanken.

Über 500 Menschen folgten der bewegenden Trauerfeier.  Es wurde ganz deutlich: Die hohe Achtung vor ihm hing  nicht nur mit seiner fachlichen, sondern auch mit seiner sozialen Kompetenz zusammen. Denn er hatte immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter und hat  sich ohne Wenn und Aber vor seine Leute gestellt, wenn sie seiner Meinung nach von  anderen  ungerecht angegriffen wurden. Dafür hat er auch nicht den Konflikt mit dem Minister  gescheut.

Nach der Trauerfeier fragten mich einige junge Kriminalisten, warum es eigentlich so wenige Führungskräfte wie ihn gäbe, die so viel Vertrauen bei ihren Mitarbeitern haben.

Vielleicht werden sie manchmal  falsch ausgesucht, in dem man nur auf Fachkompetenz und politische Anpassungsfähigkeit setzt.

Nur-ohne soziale Kompetenz können sie nicht wirklich führen .Oder?

 

 

 

 

Peter Raisch ist tot - Chef des hessischen Landeskriminalamtes mit 63 gestorben

05.01.2010 - WIESBADEN

(red). Der Präsident des hessischen Landeskriminalamts (LKA), Peter Raisch, ist tot. Der 63-Jährige starb am Montag an einem Herzinfarkt, wie die Landesregierung am Dienstag in Wiesbaden mitteilte.

Die Landesregierung und die hessische Polizei trauerten um eine große Persönlichkeit, erklärten Ministerpräsident Roland Koch und Innenminister Volker Bouffier (beide CDU). Raisch habe sein berufliches Leben der Sicherheit der Bürger gewidmet, er sei ein wichtiger Impuls- und Ideengeber gewesen. Der gebürtige Mannheimer hinterlässt Frau und drei Kinder.

Raisch hatte in seiner langen Polizeilaufbahn oft mit Extremisten aus allen Lagern zu tun. Sei es bei Ermittlungen nach RAF-Anschlägen oder bei der Aufklärung von Brandanschlägen gegen Asylbewerberheime. Zuletzt musste er sich als Chef des hessischen Landeskriminalamts vermehrt mit islamischem Terror auseinandersetzen.

Nach einer Maschinenschlosser-Lehre hatte der gebürtige Mannheimer in Baden-Württemberg seine Grundausbildung bei der Polizei absolviert, 1971 wechselte er zur Kriminalpolizei. Als sich Deutschland wiedervereinigte, leistete Raisch Aufbauarbeit in Sachsen und wurde Leiter des dortigen Landeskriminalamts. Im Herbst 2003 holte ihn Bouffier an die Spitze der obersten Polizeibehörde in Hessen.

 

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Trauerfeier für Peter Raisch

am Dienstag, 12. Januar, 11.00 Uhr in der Lutherkirche in Wiesbaden

 

Ansprache von  Heinz Eggert

                            Staatsminister a. D.

 

Liebe Christel , lieber Stefan, lieber Andreas, lieber Jan.

 Lieber Volker Bouffier, liebe Trauergemeinde!

 

Fünf Tage vor seinem Tod habe ich mit Peter Raisch noch telefoniert.

Diese Woche wollten wir uns treffen - und jetzt stehe ich hier.

Das Begreifen, dass er nicht mehr da ist, wird lange dauern,  dazu ist er einfach immer noch zu lebendig.

Es gibt Menschen, die werden 80 oder 90 und zu ihrem Leben fällt uns nicht viel ein.

Zu Peter Raisch  fällt mir sehr, sehr  viel ein- und ich bin mir  sicher, es geht nicht nur mir so.

Denn   nicht die Anzahl von Lebensjahren machen die Substanz und das endgültige  Ergebnis aus,

sondern ihre Intensität ,Dynamik und Lebendigkeit .

 Das was ein Mensch ins Leben einbringt und das , was er  aus der ihm  geschenkten Zeit macht.

Peter Raisch  hat viel aus seiner geschenkten Lebenszeit gemacht.

Das werden wir alle erst so richtig begreifen, wenn wir seinen Sach und- Fachverstand nicht mehr in Anspruch nehmen  oder ihn auch als Freund nichts mehr fragen können.

Allerdings hat er auch den größten Teil seiner Lebenszeit zur Arbeitszeit umgewidmet.

Wenn alle die von ihm geleisteten Arbeitsstunden angerechnet werden würden, er wäre schon einige Jahre in Pension gewesen.

 

Wir haben uns im Herbst 1991 in Dresden kennen gelernt.

Das war eine Zeit drängender Probleme, die schnelle- aber gut durchdachte -Problemlösungen erforderte, oftmals unkonventionell.

Ein  schneller und guter Draht zueinander war notwendig.

Peter Raisch  war -wie viele Westdeutsche- damals nach  Sachsen  gekommen um beim Aufbau neuer Strukturen zu helfen. Im Gegensatz zu manch anderen, die nur sich selbst geholfen haben - war er allerdings für Sachsen  tatsächlich ausgesprochen hilfreich.

In einer Zeit des Umbruchs und des Neuanfangs, in der die Kriminellen sich immer unangefochten glauben,

 mit einer völlig verunsicherten Sächsischen Polizei,

die aus der DDR Volkspolizei hervorgegangen war,

nicht funktionierenden alten Strukturen,

ständig laufenden Vergangenheitsüberprüfungen

 - wem konnte man trauen und wem nicht -

 hat er die Leitung des Aufbaustabes des Landeskriminalamtes in Sachsen übernommen.

Da war er  so etwas wie ein lebendiger Demokratietransfer.

 

Oftmals  nachts, wenn die offizielle Arbeitszeit um 23:00 Uhr abgebrochen worden und ich in meiner Wohnung angekommen war, klingelte das Telefon und mit seiner unverwechselbaren Stimme fragte Peter Raisch: Heiner, Du willst doch nicht etwa jetzt schon schlafen. Wir hätten noch etwas mit  Dir

beim Wein zu besprechen.

Wir, das waren Peter Raisch, der spätere Inspekteur der sächsischen Polizei Helmut Spang und der jetzige Chef des Landeskriminalamtes Sachsens Paul Scholz, die in einer WG zusammenlebten.

Damals waren wir alle 18 Jahre jünger.

 

Ich habe in diesen Nächten viel gelernt und bin auch heute noch sehr dankbar dafür, dass ich in diesem Kreis- auch als Minister-  so kameradschaftlich aufgenommen worden bin.

Ich war Minister, aber Peter Raisch war mein Lehrmeister und wurde mir zum Freund.

 

Ich habe damals  gelernt, dass Sicherheit kein Spielball politischer Interessen sein darf.

Dazu ist das Thema zu ernst.

Ich habe gelernt, dass es keine politischen Entscheidungen gegen den Sach- und Fachverstand von Sicherheitsexperten geben darf. Der Preis ist zu hoch.

Und ich habe gelernt, dass Polizist kein Beruf, sondern eine Berufung ist, und dass unsere Gesellschaft nur deswegen so sicher lebt, weil sich  viele in diesem Beruf selbst nicht schonen.

 

So wie auch Peter Raisch sich nie geschont hat.

Er war ehrgeizig, rastlos und unermüdlich, hart und unerbittlich, wenn es um die Sache ging und er hat sich und anderen viel, sehr viel abverlangt.

Die richtigen Charaktereigenschaften für diese schwierige Zeit.

1991  standen wir alle  unter einem ungeheuren Zeitdruck.

 

In diesen Nächten sind  auch die Strategien über grenzüberschreitende polizeiliche Zusammenarbeit mit den polnischen und tschechischen Kollegen, Strategien zur Bekämpfung des Rechtsextremismus und der kriminalpolizeilichen Prävention vorgetragen, diskutiert und auch gleich von mir  politisch akzeptiert worden.

Es war für mich lebendig und überzeugend.

Ich brauchte dazu keine Zuarbeit, die über sechs Schreibtische gegangen war.

Die damals ins Leben gerufene Sonderkommission Rechtsextremismus hat bundesweite Beachtung gefunden. Bis heute gewährleistet sie die konsequente Verfolgung und schnelle Aufklärung besonders rechtsextremistischer Straftaten.

 

Peter Raisch schlug damals als Leiter für die Soko-Rex  einen jungen, mir  unbekannten sächsischen Polizisten, Bernd Merbitz, vor. Ich habe mich auf Peters Menschenkenntnis verlassen.

Bernd Merbitz ist heute sächsischer Landespolizeipräsident.

 

Unter diesen - von mir nur kurz skizzierten, ausgesprochen schwierigen Bedingungen  -

wollte Peter Raisch  die Kriminalitätsbekämpfung in Sachsen voranbringen,  wollte er ein modernes und schlagfertiges Landeskriminalamt entwickeln- und wir  können  heute nur dankbar sagen-

es ist unter seiner unverwechselbaren professionellen Leitung gelungen, das Sächsische Landeskriminalamt, dessen erster Präsident er dann  wurde, zu einem geachteten Partner im Kreis der 16 Länder und des Bundes zu machen.

 

Dafür soll ich heute  noch einmal ausdrücklich den Dank  des sächsischen Ministerpräsidenten Tillich

und des jetzigen Innenministers Ulbig  weitergeben, die Dir  liebe Christel und deiner Familie,

in dieser Verbundenheit kondolieren.

Aber die Achtung und die Anerkennung für Peters unermüdliches Wirken kommen nicht nur von der Regierungsspitze.

Sie kommt auch von der ihm vertrauten Basis, die auch  ihm sehr vertraut hat.

Große Achtung und Traurigkeit über seinen Tod sind die Gründe,

 warum sich mitten in dieser  Nacht so viele sächsische Kollegen und Kolleginnen auf den Weg zu dieser Trauerfeier gemacht haben

und warum heute - besonders im sächsischen Landeskriminalamt- so viele Mitarbeiter hierher  denken.

 

Anerkennung von der Basis bekommt man nie geschenkt.

Sie ist schwieriger zu erreichen als Anerkennung von „ Oben"!

 

Peter Raisch  hat sie sich in seiner Leitungsfunktion hart erarbeitet.

Noch heute spricht man vom beflügelten Anfangsgeist der Neuländerstraße.

Nur weil Peter Raisch  selbst viel von sich verlangt und sich selbst nicht geschont hat ,

haben ihm seine Mitarbeiter auch abgenommen, dass er viel von ihnen verlangt und sie manchmal auch nicht geschont hat.

Ohne Arroganz, ohne Besser-wessi-tum und ohne Überheblichkeit.

Ihn haben die Fähigkeiten und das Engagement seiner Mitarbeiter interessiert, nicht ob sie aus dem Osten oder aus dem Westen kamen. Er teilte kollegial seinen Sach-  und Fachverstand.

Er hatte immer ein offenes Ohr für seine Mitarbeiter und hat  sich ohne Wenn und Aber vor seine Leute gestellt, wenn sie seiner Meinung nach von  anderen  ungerecht angegriffen wurden.

 

Wer, so wie er, auch den Konflikt mit dem Minister  nicht gescheut hat, um sich für seine Mitarbeiter einzusetzen und stark zu machen, dem kann man die Achtung nicht versagen, selbst wenn man manchmal anderer Meinung war.

Es gibt zu wenige von solchen Führungskräften.

 

Peter Raisch hat auch  immer darauf geachtet, dass Polizisten für eine gemeinsame Sache zusammenstehen. Besonders dann, wenn einer unverschuldet in eine Notlage gerät.

Daraus resultierte auch sein  soziales Engagement im Unterstützungsverein der Polizei Sachsens, den er 1993 mit gründete. Durch Peters aktive Mitarbeit konnten so auch die Folgen der Hochwasserkatastrophe 2002 für viele Polizistenfamilien gemildert werden.

 

 

Der Name Peter Raisch wird besonders im sächsischen Landeskriminalamt aber auch in ganz Sachsen immer einen sehr guten Klang haben.

 

 

Zum Schluss möchte ich noch ein paar Worte zu Christel Raisch  sagen:

 

Liebe Christel, es war immer ein wenig im Verborgenen, aber ein Quell seiner Stärke warst Du.

Dein Mann Peter hätte nie das sein können, vielleicht auch gar nicht sein wollen, wenn er Dich nicht gehabt hätte.

 

Als er mir erzählte, dass Du bereit warst für sein Weiterleben, eine Niere zu spenden

und ich ihm sagte: Weißt Du eigentlich was Du für eine tolle Frau hast?

Da sagte er: Das musst Du mir nicht erzählen, ohne sie wäre ich nie das was ich bin!

 

 

Von daher geht heute  viel Wertschätzung für seine Person auch auf Dich und Deine Söhne über.

Das sollte Euch auch ein wenig Trost vermitteln.

Vielleicht haben wir wirklich zwei Leben. Ein Leben vor dem Tod und eines danach.

Das erste hat er genutzt, dafür danken wir ihm und auf das zweite hoffen wir für ihn und für uns.

 

Wir werden heute der Trauer über den Tod meines Freundes Peter Raisch Recht geben müssen.

Aber er  wird immer viel zu lebendig sein, als dass diese Trauer das letzte Wort behalten könnte.

 

Das wünsche ich Euch besonders als Familie und uns allen.

Danke!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 January, 20101 January, 2010 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

Morgenpostkolumne 3. Januar 2010

Heinz Eggert

Kaffeesatzleserei

 

 

Als  Papst Innozenz XII. 1691  den 1. Januar als den ersten Tag des Jahres endgültig festlegte beseitigte er den Streit  über den Kalender, der oft  genug  Zankapfel zwischen Kaisern oder Päpsten war. Wenn er nur geahnt hätte, was er uns damit an tut.

Aber wie alle Jahre wieder ist es geschafft.

Wie  vom Kalender gefordert, waren wir  lustig und haben gefeiert.

Von den 290 Millionen SMS-Nachrichten die  in der Neujahrsnacht in Deutschland verschickt werden, habe ich 63 bekommen. Von den   Raketen,  die  die Deutschen  jedes Jahr für mehr als 100 Millionen Euro in den Silvester-Himmel knallen, habe ich  noch  weniger mitbekommen.

Nur unser Schäferhund hat sich bei dem Lärm der Explosionen knurrend  verkrochen.

 Für Hunde  muss Silvester genauso fürchterlich sein, wie für uns das lesen und hören  von Jahresausblicken und Vorhersagen weil ja  letztlich allen der Überblick fehlt.

 Nicht umsonst sagen die Japaner  „Sobald man davon spricht, was im nächsten Jahr geschehen wird, lacht der Teufel."

Und so gibt es keine Zeitschrift  und  keine Fernsehsendung, in der sich Wahrsager, Wirtschaftsweise und  Politiker mit  ihren Ausblicken in das Jahr 2010 versuchen und wo der Teufel  bei allem  Vordergründigen  im Hintergrund grinst.

Natürlich  verstärkt  die Sucht nach guten Botschaften unsere  Leichtgläubigkeit.

Aber wer sich über die neuen Steuergeschenke freut, sollte erst einmal die neue Abgabenlast überprüfen. Denn einen  Lastenausgleich wird es nicht geben.

 Mit meinem Horoskop kann ich  als Stier zufrieden sein:"Grundsätzlich wird das Jahr 2010 für die meisten Stiere ein durchweg positives Jahr ohne große Probleme."

 Jetzt  kann ich nur hoffen, dass ich  zu den meisten gehöre.

 Es ist wie bei den Wirtschaftsprognosen. Würfeln bringt uns offensichtlich genauso weit.

 Die Lage stabilisiert sich, die Wirtschaft kommt  langsam wieder in Fahrt,  es gibt eine Belebung des privaten Konsums, sagen die einen.

Die Firmenpleiten nehmen zu, die Kaufkraft wird um 8 Milliarden abnehmen, Strom und  Ökostrom-Anbieter werden kräftig die Preise anziehen, sagen die anderen.

Alles ernst zu nehmende Wirtschaftsinstitute.

Die Prognosen der Politiker sind natürlich eng an ihre Ideologien gebunden.

Eines kann man aber gewiss sagen: die politischen Aufsteiger am Anfang des Jahres werden die politischen Absteiger am Ende des Jahres sein. Das ist so in einem geschlossenen System.

Jetzt hat uns unsere Kanzlerin auf ein schwieriges Jahr 2010 eingestimmt.

Das ist ehrlicher als Zweckoptimismus. Wenn sie aber jetzt noch mit ihrer Regierung politisch daran arbeitet, Schwierigkeiten für die Bürger zu beseitigen  statt  sie zu produzieren, könnte 2010 ein ganz gutes Jahr werden. Oder?

TagsTags: prognosen 2010 
19 December, 200919 December, 2009 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

Weihnachten im Zittauer  Gebirge  oder die vielen kleinen Weihnachtswunder

Heinz Eggert

(geschrieben für die SUPERILLU 23.12.2209)

 

Für Kinder ist Weihnachten immer das Fest der Wunder und Überraschungen. Wir Erwachsenen sind da schon ein wenig abgeklärter, manchmal auch abgebrühter  aber nicht glücklicher. Wir haben das Staunen verlernt!

Wer es wieder lernen will, muss über Weihnachten in das Zittauer Gebirge fahren und Oybin besuchen. Da stellt sich das Staunen von ganz alleine wieder ein, wenn die harmonisch   romantischen  Landschaftsbilder sich wärmend  in der Seele widerspiegeln. Trotz der Kälte!

Nicht von ungefähr haben sich die großen romantischen Maler, wie Caspar David Friedrich hier gerne aufgehalten um ihre Bilder zu malen, die uns heute noch berühren.

Als mich die Liebe vor 40 Jahren das erste Mal von der Ostseeküste nach Oybin brachte, erweiterte ich sie sehr schnell auf diesen traumhaften Ort ,  seine kleine romantische Bergkirche ,das Zittauer Gebirge und seine wunderschöne bergige und waldige Umgebung . Hier, an der Grenze zu Tschechien und Polen, leben Menschen, die von der Geschichte noch nie besonders verwöhnt worden sind,  aber an Freundlichkeit nichts eingebüßt haben.  Deswegen lebe ich jetzt  noch immer gerne hier. Mit der, wegen der Steigung,   vor sich hin schaukelnden  und schnaufenden  Schmalspurbahn- „ dem Zug ohne Eile"-fuhren wir  damals von Zittau aus   an einem  bienenkorbähnliches Sandsteinmassiv -dem Berg Oybin-  vorbei  in ein Tal ,umgeben von einem Kranz grüner Berge, die jetzt im Winter tief und wild  verschneit sind. Da setzt das Staunen von ganz alleine wieder ein!

In der Abenddämmerung scheinen das  Gebirge und der ganze Ort verzaubert.

Überall  in  den verschneiten  Gärten leuchten Tannenbäume. Die  kleinen Umgebindehäuser sind weihnachtlich  geschmückt.  Gedrechselte und geschnitzte  Bergmänner und Lichterengel lugen hinter den kleinen verschneiten  Fenstern hervor  und die Herrnhuter Sterne  leuchten weit in die weihnachtliche Landschaft.

Wo das Alltagsleben besonders hart  war oder ist, bringt man  immer selbst ein wenig mehr wärmendes Licht und Farbe in das Leben. Das machen wir uns heute, die wir  von diesen schönen Traditionen leben, kaum noch bewusst.

 

Spätestens beim Besuch der kleinen Bergkirche in Oybin verstehen wir das.

Von außen schmiegt  sich die Kirche an den großen Berg.

Innen  ist sie  dem Verlauf des Felsens angepasst, auf den sie gebaut wurde.

Stufen wurden in den abschüssigen Felsen geschlagen.  Hier wurden die Sitzbänke eingebaut- so dass der Pfarrer  auf der Kanzel nie höher steht, als die Kirchbesucher in der letzten Reihe sitzen.

Sehr demokratisch!  Auch wer oben steht, hat keinen Grund abzuheben.

Alles in dieser Kirche ist aus Holz gebaut. Das war am billigsten. Dann wurde das Holz „marmoriert „ oder mit  im   bäuerlichen Barock gehaltenen Ornamenten versehen. So brachten die Oybiner ihre eigene Arbeitskraft und ihre Kunstfertigkeit ein. Sie bauten diese Kirche nicht  um dem Menschen zu zeigen wie klein er sei, sondern sie ermutigen den Besuchern dadurch, Mensch in  einer einfachen Welt zu bleiben und sich das Leben trotzdem wärmer und farbiger zu gestalten

 

 An dieser Kirche war ich seit 1974  Pfarrer.

Jedes Jahr Heiligabend ein kleines Weihnachtswunder. Nur 340 Kirchenmitglieder im Ort. Aber zur   Christnacht kamen fast 700 Besucher.

Die Kerzen brannten, die alten Weihnachtslieder wurden gesungen, die Stasispitzel schrieben  die Predigt mit.

Das Krippenspiel der Kinder brachte die Augen der Alten zum leuchten. Natürlich kannte ich sie auch, die alten Frauen,  die  sich mit ihren einfachen Mänteln und Kopftüchern   in die Nähe des Weihnachtsbaumes setzten und auswendig die alten Weihnachtslieder sangen.

Viele hatten ihre Männer und Söhne im Krieg verloren, sich mühsam ein einfaches und bescheidenes Leben wieder aufgebaut und waren jetzt allein.

Aber das war das nächste kleine Weihnachtswunder in Oybin. Heiligabend ließ man sie nicht allein. Auch bei allen Streitigkeiten des Jahres . Natürlich wurden sie von Nachbarn oder Freunden eingeladen.  Der selbst gebackene Stollen wurde probiert, es gab Bratwurst mit Kartoffelmus oder Karpfen, auf alle Fälle Glühwein für alle.  Denn wer kann  Heiligabend fröhlich feiern, wenn er weiß, dass der Nachbar alleine und traurig in seinem Zimmer sitzt. In Oybin konnte das keiner. Vielleicht haben wir schon vergessen, dass zum Wohlstand auch Anstand gehört und es nicht immer nur um Geld, sondern auch um menschliche Wärme, Anteilnahme und Würde geht. Keiner von uns weiß, wann er einmal auf andere angewiesen ist.

Wer heute am ersten Weihnachtsfeiertag durch Oybin geht, traut seinen Augen nicht.

 

 Eine festlich geschmückte Kutsche mit einem Kaiserpaar, in vornehmer Begleitung, rollt durch den Ort. Es ist der  Einzug von Kaiser Karl IV. am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1369 nachgestellt. Damals hatte der Kaiser die Mönche des Cölestiner Ordens besucht, um ihnen im Streit mit der Stadt Zittau beizustehen. Dabei stiftete er ein Kloster auf dem Berg Oybin.

Jaja,  Oybin, der Ort der nach seinem Berg benannt wurde, hat schon  Geschichte geschrieben, als Berlin noch aus lauter kleinen Dörfern bestand.

Seit damals hat sich eines nicht geändert, die freundliche Begrüßung des Kaiserpaares durch die Bevölkerung. Die wandert dann gemeinsam mit den Kaiserpaar an der alten Bergkirche vorbei auf den großen Berg  Oybin  um in der romantischen Klosterruine mit einem Chor, mit Mönchen, den Besuchern  und Schafen Weihnachten zu feiern.

 

Das ist das eigentliche Weihnachtswunder von Oybin. Der Besucher besucht das weihnachtliche Oybin und begegnet sich mit seinen Wünschen und Sehnsüchten selbst.

Vielleicht begegnen wir uns einmal dabei.

19 December, 200919 December, 2009 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

 

Morgenpostkolumne 20. Dezember 2009

Weihnachtswunder

Weihnachten ist eigentlich immer für Überraschungen gut. Wir wissen zwar alle, dass das Wesentliche und insgeheim Erträumte doch nicht zu kaufen ist und versuchen es doch immer wieder.

Vielleicht ist wirklich der am besten dran, der das hoffen auf ein Wunder nie aufgegeben hat.

Das macht uns menschlicher und offener, als wenn wir die Banalitäten des Lebens für reales Leben halten. Das hört sich jetzt alles ein wenig nach Predigt an. Ich weiß!

 Das  ist aber auch  nicht verwunderlich, weil ich 16 Jahre lang in  der Oybiner Bergkirche zu Weihnachten  gepredigt habe.

Dort vollzog sich jedes Jahr ein kleines Weihnachtswunder. Wir hatten zwar nur 320 Kirchgemeindemitglieder, aber zur Christnacht  kamen manchmal über 700 Besucher, so dass manche wieder gehen mussten, weil die Kirche überfüllt war.

Die Weihnachtsgeschichte wurde gespielt, die alten Kirchenlieder gesungen und die Stasispitzel schrieben die Predigt mit.

Ich habe meine Predigten nie aufgehoben, aber fast alle in  meiner Stasiakte wieder gefunden.

Da stellt sich bei mir trotzdem keine Dankbarkeit ein, denn sie sind

zusammengeheftet mit Berichten, in denen der Gottesdienst eingeschätzt und die Staatsfeindlichkeit des Pfarrers herausgearbeitet wurde.

In allen Berichten schießt  ein Stasispitzel aus Löbau den „Vogel\" ab.

 Am 9.1.1984 schreibt er in  seinem Bericht, dass er seiner alten Mutter eine Freude machen wollte und mit ihr mit dem Zug zur Oybiner  Christnacht gefahren sei. Die Kirche wäre zum Brechen voll gewesen und die Predigt stellte eine einzige Anklage gegen das politische System der DDR da.

Er begründet das auch.  Der Pfarrer habe behauptet, dass die Resignation immer mehr um sich greife. Die Geburt Christi habe sich nicht hinter verschlossenen Türen abgespielt, die die Bevölkerung  dann nur  hinnehmen und öffentlich begrüßen durfte. Es fehle an Offenheit in der Gesellschaft. Damit habe der Pfarrer nur das System der DDR meinen können. Zweifellos das wäre es aber auch gewesen dass die Predigt bei den Bürgern außerordentlich gut ankam.

Ein kluger Mann, der die Interpretation meiner Worte der Staatssicherheit gleich selbst erklärt.

Aber auch ein hinterhältiger Mann. Denn zum Schluss denunziert er  ein Ehepaar, das ihn und seine Mutter im Pkw RZL 0-85 mit nach Zittau nimmt .Dieses Ehepaar hätte geäußert, dass ihnen die Predigt aus dem Herzen gesprochen wäre. Die Adresse könne über die Polizei erfragt werden.

Zum Schluss bittet er seine Mutter, den Pfarrer um die Zusendung der Predigt zu bitten, weil sie so toll  sei und er sie an Bekannte weitergeben wolle.

Die" Bekannten" sind jetzt bekannt. Dass sie jetzt keine Macht mehr haben, ist für mich auch nach 20 Jahren immer noch einWeihnachtswunder.

 Und Wunder machen dankbar. Oder?

 

 

 

4 December, 20094 December, 2009 2 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

Mopokolumne  06.12.2009

 

Nicht immer richtet sich das Wetter nach dem Kalender.  Bei herbstlichem  Wetter wird  der  Dresdner Weihnachtsmarkt eröffnet. Er ist wie eine kleine Weihnachtsstadt, die sich romantisch durch die  Dresdner Innenstadt zieht.

An vielen Glühweinständen und Fressbuden  vorbei, können die Besucher von der Hauptstraße, vorbei an den historischen Weihnachtsmärkten im Stallhof und an der Frauenkirche bis zum Altmarkt schlendern.

Schön wenn das übliche Weihnachtsmarktangebot mit Kunsthandwerk kombiniert wird.

In historischen Kostümen wird getöpfert, geschmiedet, gebacken, gemalt- und gesungen.

So wie die zwei mittelalterlich gekleideten  Sänger vor der Frauenkirche , die alte  Weihnachtslieder zur Laute singen. Geradezu entspannend schön, wenn die dudelnden Weihnachtsliedkonserven aus den Lautsprechern die Ohren nicht im Übermaß  beleidigen.

Beim Glühwein erzählt mir  eine ältere Dame ganz begeistert, dass sie von Stuttgart aus wieder in ihre alte Heimatstadt Dresden gezogen ist. Die Kindheitserinnerungen, die Schönheit der Stadt, das ungeheure Kulturangebot und die vielen freundlichen Menschen haben sie wieder zurückgezogen.

Um uns herum  mischen sich  viele Sprachen im Weihnachtsgewirr. Japanisch, Tschechisch, Russisch, Polnisch, Englisch wird nur noch lautstark durch den sächsischen Dialekt überlagert.

So geben in  freundlicher  Atmosphäre die einen Geld aus und die anderen nehmen es ein.

Weihnachtsgeschäft!  Daran  versuchen sich natürlich auch andere zu beteiligen.

Organisiertes Betteln, wird  inzwischen sehr einfallsreich und  nicht nur durch vorgebliche Armut  betrieben.

Vormittags sieht man, nicht gerade warm gekleidete junge tschechische Zigeuner in  Gold und Silberkostüme schlüpfen, um dann in unbeweglicher Beweglichkeit die Touristen zum Fotografieren und Geldspenden zu animieren. Körperlich anstrengend der Job.

 Am Abend werden sie dann durch einen gut  gekleideten Zuhältertypen  wieder abkassiert, der sofort sein Deutsch vergisst, wenn man ihn darauf anspricht.

 Kriminalität  im Graubereich.

Das mobile Polizeirevier auf dem Weihnachtsmarkt mit seinen herum streifenden „ zivilen „Polizisten

macht trotzdem, wie schon in den letzten Jahren, den Weihnachtsmarkt sicherer.

Dass die Straftaten zurückgegangen sind, ist auch in ihrer  engagierten  Arbeit  zu verdanken.

Selbst warten sie natürlich nicht auf den Weihnachtsmann, sondern darauf, dass mal ein hoher Polizeiführer oder vielleicht  sogar der Innenminister auf einen Kaffee vorbeikommt.

Denn Anerkennung und  Motivation sind Geschenke, die selbst auf dem Weihnachtsmarkt für Geld  nicht zu kaufen sind. Aber noch ist ja Zeit dazu. Oder ?

20 November, 200920 November, 2009 0 comments MOPO Kolumnen MOPO Kolumnen

 

Morgenpostkolumne 22  November 2009

Heinz Eggert

Reise in ein unbekanntes Land

 

 

 

Der Ort des Anrufs überraschte mich. Tirana.  Ob ich an einer Konferenz mit Publizisten und Ministern teilnehmen würde.

Thema: Demokratische Entwicklung nach 1990 in Albanien und Deutschland.

Ich wollte.  

Denn  ich wusste  fast gar nichts über Albanien und habe einen ungeheuren Respekt vor Völkern, die ihre Diktaturen abschaffen.  In der DDR wurde Albanien aus ideologischen Gründen totgeschwiegen und nach 1990 nimmt die Welt Albanien nicht wahr.

Sehr zu Unrecht, wie ich jetzt weiß.

Ankunft bei  Regen am Flughafen.

In einem Riesentempo  20 km über verstopfte Straßen nach  Tirana. Europäische Straßenverkehrsordnung. Keiner hält sich daran. Wer zuerst fährt hat gewonnen. Zwischen allen Autos  Mopedfahrer - natürlich ohne Helm - in einem atemberaubenden Zick-Zack. Erst Hupe, dann Bremse. Ampeln regeln nichts.

Polizisten auch nicht. Ihrem  imponierenden Aussehen  steht ihr niedriges Ansehen in der Bevölkerung gegenüber.

Aber warum sollen sie sich auch  für 210 €  im Monat  übermäßig engagieren.   Obwohl besser, als zu den 24 % Arbeitslosen zu gehören.

Der Innenminister sagt mir,  Albanien hätte sehr gute Gesetze.

Sie würden nur nicht eingehalten. Als ich ihm sage, dass das  Durchsetzen wohl seine Aufgabe sei, lacht er und sagt: Du kennst den Balkan nicht.

Das stimmt: Rauchen ist   z.B. in allen Gaststätten per Gesetz verboten. Ich teste es und zünde mir ein Zigarillo an.

Sofort kommt ein Kellner  ---und stellt mir einen Aschenbecher hin.

 

Ich treffe mich mit einem Lehrer. Er hat Dinge erlebt, die wir -Gott sei Dank - nicht erleben mussten.

1986 wurde er zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er  gesagt hatte: Er könne sich vorstellen, dass es einen Gott gibt. Der Staatsanwalt von damals ist Richter von heute.

Er  selbst durfte nie wieder als Lehrer arbeiten.

 Momentan werden viele Lehrer in den Schuldienst eingestellt. Ihre "Qualifikation": sie haben dem Ministerpräsidenten beim Wahlkampf geholfen. Ob das für die Schüler gut ist?

 

Abends ruft mich Artur an.  Wir kennen uns nicht.

Er ist wie ich, bei den Euro-Bikern und hat gehört, dass ich in Tirana bin.

Beim Bier erzählt er  mir, dass er wie viele  junge Menschen vor 1990 Schwimmen trainiert habe.

 Der einzige Fluchtweg - durch die Adria nach Italien zu schwimmen. Viele sind auf dem Weg in die Freiheit ertrunken.

 Von den Mauertoten in Berlin weiß die ganze Welt.  Von diesen Toten nicht. Sie sind in unserer Wahrnehmung genauso ausgeblendet wie Albanien und seine neueste Entwicklung.

Die Albaner sind zu Recht  stolz auf ihre Entwicklung.

 

Natürlich ist Albanien noch  keine Demokratie. Aber sie  sind auf dem Weg dahin.

Deshalb muss Europa auch helfen. Oder?

 

 

 

 

 

   
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HeinzEggert
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