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Zum Rücktritt von Bischöfin Kässmann
Essay für die Sächsische Zeitung
25. Februar 2010
Heinz Eggert
Wer lebt, wird schuldig
Manchmal gibt es Geschichten, die bis zum Ende des eigenen Lebens begleiten.
Davon soll eine jetzt gleich am Anfang stehen.
“ Zwei Männer stehen vor Gott und haben ihre Hände auf dem Rücken verschränkt. Gott lässt sich die Hände zeigen. Die Hände des einen sind rissig, abgearbeitet und angeschmutzt. Die Hände des anderen, sind weiß, sauber und rein.
Da jubelt der mit den reinen Händen: Herr meine Hände sind rein!
Jaja, sagt Gott, das sehe ich. Aber sie sind auch leer.“
Plastischer, verständlicher und liebevoller kann man es gar nicht erzählen.
Wer kiloweise theologische Traktate durchforstet oder alle Predigten dieser Welt hört, ganz gleich ob einschläfernd oder aufmunternd, wird zunächst letztlich keine andere Erkenntnis gewinnen.
Wer lebt, wird schuldig.
Es gibt keinen Weg an der Schuld vorbei. Wissentlich oder unwissentlich!
Wir können noch so große Künstler der eigenen Entschuldigung sein, alle Techniken von Erklärungsversuchen und Ausflüchten in einer ständigen Schuldverschiebung-und Abwälzung
anwenden, irgendwann holt unsere Schuld uns immer wieder ein. Dann versagen die mühselig zusammen gekitteten Antworten, die das eigene Gewissen beruhigen sollten, das Lebensgerüst stürzt ein. Was dann ?
Wer und was rechtfertigt uns, wenn wir unsere angeschmutzten Hände vorzeigen müssen und unser Versagen offenbar wird?
Die Antwort dieser Geschichte ist genauso tröstlich wie die frohe Botschaft des Evangeliums:
Trotz Deiner Schuld musst Du nicht verzweifeln, weil Du auf einen Gott triffst , der wirklich alles von Dir weiß und der Dich besser versteht als Du Dich selbst.
Nicht umsonst sagt man: Alles, aber wirklich alles verstehen, heißt alles verzeihen.
Deshalb ist Schuld und Vergebung das zentralste menschliche Thema.
Es ist kein Sonderfall christlicher Verkündigung, sondern beschäftigt jeden, der nicht nur ein Gewissen hat, sondern es auch gebraucht.
Es gibt keine Religion , die nicht versucht lebendige und tragfähige Antworten zu finden, damit der Mensch an dieser Problematik nicht zerbricht.
Deshalb ist es das offene und unterschwellige Thema der Weltliteratur und wird die Menschheit bis zu ihrem Ende begleiten.
Es war 1976. Ich war damals ein noch junger Pfarrer in Oybin.
An einem Märzabend stand im Programm zur Bibelwoche das Thema „Schuld und Vergebung“.
Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal.
Am Vormittag des gleichen Tages hatte ich ein Gespräch mit einem älteren Pfarrer.
Er war in ungeheuren Gewissenskonflikten.
Seit Jahren verheiratet ,3 Kinder, hatte er sich in eine andere Frau verliebt und sich jetzt entschlossen seine Familie zu verlassen. Sie hatten es alle in dieser Situation nicht leicht. Er nicht ,seine Frau nicht und auch nicht seine Kinder. Er hatte es sich mit seiner Entscheidung nicht leicht gemacht. Seit 12 Jahren war in der Gemeinde.
Ausgesprochen beliebt, immer ein offenes Ohr für die Gewissensnöte der Gemeindemitglieder. Er war so etwas, was man einen guten Pfarrer nennt.
In dieser krisenhaften Zeit, in der er selbst jede seelsorgerische Hilfe nötig hatte, drohte ihm das Landeskirchenamt mit einer Strafversetzung. In seiner verzweifelten Situation nicht gerade hilfreich.
Jesus liebte zwar die Sünder, aber die Landeskirche eiferte ihm in dieser Liebe nicht nach.
So schien es mir zumindest damals.
Ich stellte mir die Frage: Wenn Gott die Sünder liebt, aber die Kirche liebt sie nicht, darf sie sich dann überhaupt noch auf Gott berufen?
Am Abend tauschte ich in der Bibelstunde das vorgesehene Beispiel, von dem Vater, der dem Mörder seiner Tochter den Mord tränenhaft mit einer Umarmung verzeiht,
gegen das am Morgen gehörte aus. Natürlich anonymisiert.
Ein lebendiges Beispiel von Schuld und Vergebung, das dann auch sehr lebendig diskutiert wurde.
Obwohl ich Gott und Jesus und die Evangelien bemühte, war man sich zum Schluss ziemlich einig:
Ein Pfarrer hat das nicht zu tun. Zu wem sollen wir denn sonst noch aufblicken?
Das war nicht böse sondern sehr freundlich gemeint.
Da begriff ich, dass sich keiner von ihnen war, auch wenn ich es sein wollte
Ich musste gar nicht auf den Sockel klettern, in ihren Augen stand ich schon oben.
Auch als kleiner Dorfpfarrer.
Erwartungsdruck nennt man das.
Je höher der Sockel, umso tiefer kann man natürlich stürzen.
Ein Satz, der mir gerade in den letzten Tagen wieder sehr gegenwärtig ist, als ich von der alkoholisierten Autofahrt der obersten protestantischen Bischöfin in Deutschland las, die auch von einer roten Ampel nicht gestoppt werden konnte.
Mein erster Gedanke war: Willkommen im Club! Denn aus Unachtsamkeit bin ich auch schon einmal über eine rote Ampel gebrettert. Allerdings brauchte ich dazu keinen Alkohol.
Mein zweiter Gedanke war: Mein Gott jetzt hat es die auch noch erwischt. Und dann auch noch mitten in der Fastenzeit. Das war es!
Ich bin nicht immer ihrer Meinung gewesen. Aber sie tat der Kirche gut. Denn jede Botschaft kommt auch immer über die Person. Natürlich bediente sie sich der modernen Medienvermarktung. Aber alle Kritiker muss man fragen, wie erreicht man sonst noch möglichst viele Menschen, die man nachdenklich machen möchte. Natürlich war sie kontrovers. Aber auch sehr erfrischend!
Wenn ich ansonsten die alten Kirchenfürsten im Fernsehen referieren höre, hält sich mein Interesse am Paradies sehr in Grenzen, denn Lebensnähe und Lebensfreude strahlen sie nicht aus.
Im Unterschied zu 1976, war es für mich aber erstaunlich, wie viele sich jetzt für die protestantische Verkehrssünderin einsetzten. Es schien, als hätte sie sich durch ihr Vergehen menschlicher und verletzlicher gemacht. Sie war vom Sockel gestürzt und wieder Mensch unter Menschen.
Sie soll im Amt bleiben, sagte mir vorgestern Abend in einer Neustadtkneipe ein junger Mann, der ansonsten nach eigener Auskunft mit Kirche nicht viel am Hut hat. Sie ist doch eine von uns, war sein Argument. Bei jedem Politiker hätte er den Daumen nach unten gezeigt.
Es ist gut, dass auch ihre Kritiker ihr Zeit und das Gesicht gelassen haben, den Entschluss selbst zu fassen.
Man kann in ihren Rücktritt Bedauern, aber er war unausweichlich.
Sie hat damit natürlich auch noch verdeutlicht, dass zwischen Schuld und Vergebung eine wichtige Entscheidung angesiedelt ist. Die Entscheidung, die uns immer am meisten schmerzt.
Aus der Erkenntnis unseres verkehrten Tuns, die notwendigen Konsequenzen selber zu ziehen und zu Tragen. Respekt! Viele tun es nicht!
Für sie wird die Schwere des Tragens abgemildert durch die Solidarität vieler.
All jene aber, die ihr Scheitern sehr hämisch betrachten, verweise ich auf Jesus.
Wenn er sehr viel Hoffnung für eine Hure und einen korrupten Zöllner hatte, wie viel mehr Hoffnung
gibt es dann für eine Frau, die alkoholisiert über eine rote Ampel gefahren ist.
Nicht mehr hat sie getan - aber auch nicht weniger.
Ihre Hände sind ein wenig „schmutziger“ geworden, aber sie sind nicht leer.
- Trinken ist ein großes gesellschaftliches Problem, der Umgang mit Alkohol ist gefährlicher als der mit Cannabis. Sie wird später bestimmt froh sein, dass Ihr nun geholfen werden kann.
Denn auch volle Hände nutzen wenig, wenn man der Kopf leer ist. - Danke für diesen Beitrag. Es ist schön, einen Beitrag dazu zu lesen, der das Thema so auf den punkt bringt. In meiner Umgebung gab es damals für Frau Käßmann sehr viel Häme. Vorzugsweise von Menschen, die selbst gern vom 11.11. an die 5. Jahreszeit feiern und mit Sicherheit nicht immer nüchtern von all den Veranstaltungen heimfahren. Von einigen weiß ich sogar, dass sie alkoholisiert das Steuer ergriffen haben.
Intressanterweise waren es in meiner Umgebung die Katholiken, die das wesentlich lockerer genommen haben als die Protestanten.
Ich finde es im Rückblick gut, dass sie zurückgetreten ist, auch wenn es mir damals einen ziemlichen Schlag versetzt hat (so, wie mir der Rücktritt von Horst Köhler am Sonntag einen Schlag versetzt hat!). Ich fand das, was sie mir persönlich gebracht hat, wesentlich wichtiger als eine Verfehlung. Wie gesagt, wer lebt wird schuldig. Mittlerweile denke ich, ist es für sie selbst am besten so.
Richtig schlimm fand ich die Selbstgerechtigkeit, die viele in Sachen Käßmann an den Tag legten.
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