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Der kleine Max und das grosse Lesen
Morgenpostkolumne 21. Juni 2009
Der kleine Max und das große Lesen
Im Haushalt meiner Eltern gab es nur zwei Bücher. Den Reclam Opernführer und „ Ben Hur“.
Beide Bücher kannte ich fast auswendig.
Mein Stiefvater war der Meinung, lesen hält nur von der Arbeit ab.
Also las ich in den Buchhandlungen, schnell und effizient. Dafür schwänzte ich auch schon mal die Schule. Auch merkte ich mir die Seite, an der ich meist mit der Bemerkung „ Junge, willst du das Buch jetzt kaufen oder nicht?“unterbrochen wurde, um genau dort in der nächsten Buchhandlung weiterzulesen.
Diese Erlebnisse konnte mir kein Deutschunterricht bieten.
Diese Lesesucht hält bis heute an. Obwohl alle unsere Bücherregale überladen sind, Bücher faszinieren mich noch immer.
Als ich vor ein paar Monaten gefragt wurde, ob ich am „Meißener Literaturfest“ als Vorleser teilnehmen würde, habe ich sofort zugesagt. Solche Aktivitäten müssen einfach unterstützt werden.
Wenn die Kulturstadt Dresden schon nicht darauf kommt sollte man es in Meißen tun.
Allerdings hat ich Bedenken, ob dieses höchst anspruchsvolle Programm an drei Tagen in einer Stadt 104 Lesungen auf Märkten, in Torbögen, auf romantischen Plätzen in Galerien und Hotels durchzuführen auch genug Besucher finden könnte.
Die Veranstalter waren genauso überrascht wie ich. 8500 Besucher, die gespannt und fasziniert den vielen Vorlesern lauschten.
Als ich freitagabends um 21:00 Uhr bei kalten regnerischem Wetter auf dem Markt aus dem „Glöckner von Notre Dame“ las, fiel mir, unter den vielen Besuchern, in der ersten Reihe ein kleiner Junge auf, der fast eine Stunde mit großen Augen zuhörte. Max ist sieben Jahre alt und überredete seine Eltern, am nächsten Abend um 22:00 Uhr mit ins Gefängnis zu gehen, wo ich weitere Geschichten aus dem“ Glöckner von Notre Dame „las.
Für die Lesung hatte man das alte Gefängnis auf der Meißener Burg geöffnet.
Für 70 Personen waren Sitzgelegenheiten gestellt worden. Denn Samstagabend um 22:00 Uhr ist nun wirklich keine tolle Veranstaltungszeit, in der man mit vielen Besuchern rechnen kann.
Wieder wurden wir überrascht.
180 Personen drängelten sich in die alte Gefängniskapelle, standen rings herum an den Wänden und lauschten genauso gebannt wie der kleine Max, der es geschafft hatte ,mit seinen Eltern und seinem Bruder Moritz in der ersten Reihe zu sitzen.
In meinem bequemen Vorlesersessel hatte eine nette ältere Dame Platz genommen, während ich nur die Chance hatte im stehen zu lesen, während draußen an den vergitterten Gefängnisfenstern die schwarzen Vögel vorbei flogen. Dank dem Glöckner und dem Gefängnis war es eine fantastische Atmosphäre.
Zum Schluss der Lesung schenkte ich unter dem Beifall aller dem kleinen Max das Buch, mit der Aufforderung, den Rest alleine weiterzulesen.
Denn was Mäxchen nicht beizeiten lernt, lernt der große Max nimmermehr. Oder?
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